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Alles geregelt

Ausgangs der kühleren, trüben Tage steht mein Entschluss fest: Ich brauche etwas Frisches! Jetzt!!

Gitti hat es auch schon erwischt. Sie hat ihre kleine Einkaufstour bereits vor wenigen Tagen hinter sich gebracht. Mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht und am Körper neu gewandet begleitet sie mich zu einem Einkaufszentrum.

Schon auf dem Weg dorthin bemühe ich mich darum, mich von den Farben zu lösen, die ich sonst bevorzugt trage. Wir durchstreifen die Läden, und ich werde tatsächlich fündig. Gitti bestärkt und berät mich nach Kräften.

Zunächst weckt ein hellgelber Pullover meine Aufmerksamkeit. Leider hat er kurze Ärmel. Eine Verkäuferin nähert sich. Sie bietet ihre Hilfe an. Kopfschüttelnd verneint sie, dass es von dem schönen Pullover auch eine Version mit langen Ärmeln gibt. Ihr Hinweis, dass ja jetzt bald der Sommer kommt, hilft mir nicht. Wenn ich einen Pullover tragen möchte, dann soll er auch meine Arme wärmen!

Gitti und ich suchen weiter. Auf einem Stapel entdecke ich einen Pullover, dessen kuschelige Maschen mich dazu einladen, sofort hineinschlüpfen zu wollen. Seine Farbe leuchtet hell und dennoch nicht grell. Es gibt zu entdecken, dass es kein einfaches Rosa ist, was mich erstaunlicherweise hier anzieht, sondern dass die Farbe in dieser Saison klangvoll „Magnolie“ heißt. Ich bin etwas skeptisch, ob sie mich nicht fürchterlich blass aussehen lassen wird, aber schließlich sollte es ja etwas Frisches sein. Mit einem blauen Shirt darunter wird es meinem Teint sicher nicht schaden. Gitti ist begeistert.

Zu dem Pullover gesellen sich während unserer Einkaufstour noch ein schönes Shirt, ebenfalls in der Farbe blühender Magnolien gehalten, und ein Paar flotte Schuhe.

An diversen Kassen regle ich die mit dem Einkauf verbundenen finanziellen Angelegenheiten. Gitti lässt sich derweil auf einem Sessel nieder, der erschöpften Begleiterinnen nahe der Umkleidekabinen eine Erholung bescheren soll – auf dass sie bald von neuer Kraft gestärkt weitere Waren in Augenschein nehmen und deren Erwerb vorbereiten mögen!

Als ich zurückkehre, fragt Gitti, ob nun alles geregelt ist. Ich nicke und frage im Gegenzug, ob sie noch Bedürfnisse zu stillen wünscht. Wir stellen fest, dass der einzige Gegenstand unserer verbliebenen Wünsche gerade ein gemütliches Beisammensein im trauten Heim ist, möglicherweise noch verbunden mit der Zubereitung und dem anschließenden Genuss eines wunderbaren Fischfilets, begleitet von gebratenem grünen Spargel und einem leckeren Wein. Dementsprechend verlassen wir jetzt unverzüglich das Einkaufszentrum.

Auf dem Weg zum Auto kommen wir an der Einfahrt des Parkhauses vorbei. Vor dieser Einfahrt steht ein großes blaues Schild. In großen weißen Lettern prangt darauf der Hinweis, dass hier die Straßenverkehrsordnung gilt. Ein schwarzes Piktogramm auf einem runden, rot gesäumten Schild mit weißem Hintergrund zeigt an, dass Motorräder im Parkhaus nicht erlaubt sind. Ebenfalls im Stil von Verkehrsschildern gehalten, gibt es Angaben zur maximalen Fahrzeughöhe, zum maximal zulässigen Gesamtgewicht der Fahrzeuge und zur maximal erlaubten Geschwindigkeit, mit der das Parkhaus befahren werden darf. Darunter steht in großer Schriftgröße das Wort „Parkordnung“. Dann folgt in deutlich kleineren Buchstaben ein längerer Fließtext.

Spontan denke ich: „Wer liest denn das alles?“

Nahezu gleichzeitig zischt eine graue Limousine an mir und selbstverständlich ohne Verzögerung auch an dem großen Schild vorbei und mit beträchtlicher Geschwindigkeit sodann ins Parkhaus hinein.

„Der Fahrer dieses Wagens also schon mal nicht!“, konstatiere ich.

Ich überfliege den Fließtext. Er regelt allerlei weitere Dinge, die mit der Benutzung des Parkhauses in Zusammenhang stehen und listet dabei auch gleich auf, welche Vertragsstrafen zum Durchsetzen der Regeln erhoben werden können. Das Schild erzählt viel darüber, was schon alles vorgekommen sein muss.

Ich seufze laut, weil die meisten dieser Regelungen doch selbstverständlich sein sollten, es jedoch offenkundig nicht zu sein scheinen. Mir entfährt ein genervtes: „Hauptsache alles geregelt!“

Gitti grinst. Sie ist fest entschlossen, sich davon nicht weiter aufhalten zu lassen. Recht hat sie! Zu Hause warten ein leckerer Fisch, ein Bund Spargel, eine Flasche Riesling und vor allem ein harmonischer Abend auf uns.

Auf der Heimfahrt gelingt es mir, das Schild in Gedanken durch eines auszutauschen, auf dem in großen Lettern nur dieser eine Satz steht: Wir freuen uns schon darauf, dass Sie einander hier mit Respekt und gegenseitiger Rücksichtnahme begegnen!

Eigentlich wäre mit diesem Satz auch alles gut geregelt. Nenne mich naiv, aber ich mag die Hoffnung, mit so etwas auch heute noch jemanden erreichen zu können, einfach nicht aufgeben!

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