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Auf ganzer Linie

Gepäck ist ein lästiges Thema. Spätestens, wenn ein Ortswechsel ansteht, muss ich darüber nachdenken, was ich mitnehmen möchte. Zu Hause wohnen die Sachen einfach mit uns zusammen, die meisten davon haben einen festen Platz. Gitti und ich kümmern uns um ihren Zustand. Und damit ist es dann auch gut.

Nächste Woche muss ich aus beruflichen Gründen für zwei Tage verreisen. Eigentlich geht es nur um eine einzige Übernachtung, da brauche ich ja nicht viel. Ich denke dabei an Klamotten zum Wechseln, den Teil meiner Kultur, der in der kleinen Kulturtasche Platz findet, dazu noch an ein Ladekabel, einen Schreibblock und einen Kugelschreiber. Das sollte locker in die kleine Sporttasche passen! Der Rest wohnt sowieso in meiner Handtasche.

Entspannt wende ich mich anderen Themen zu. Etwas später fällt mir ein, dass ich bei der Auswahl der wenigen Kleidung, die ich zum Wechseln mitnehmen werde, das prognostizierte Wetter berücksichtigen sollte. Die Wetterfrösche versprechen, dass es kühl wird. Schade eigentlich! Muss vorher noch etwas gewaschen werden? Ein Blick in den Schrank lässt keinen weiteren Handlungsbedarf erkennen. Ich denke nochmal über die Sporttasche nach. Sie bietet auf jeden Fall ausreichend Platz. Wieder entspanne ich mich, wieder wende ich mich anderen Themen zu.

Tags darauf wird mir klar, dass es bei diesem kurzen Trip ausnahmsweise einmal von Vorteil sein könnte, den Laptop mitzunehmen. Genau hier ist Schluss mit der Entspannung!

Laptop?!? Passt der rein? Der Laptop misst in der einen Richtung knapp zwei Handspannen und in der anderen Richtung eine Handspanne plus die Länge meines kleinen Fingers, das macht etwa 40 x 25 cm². Und die Sporttasche? In Gedanken packe ich mein Kulturtäschchen und die anderen Dinge in die Sporttasche. Das mit dem Laptop wird eng! Nebenbei fällt mir ein, dass ich das zugehörige Netzteil nicht vergessen darf. Das trägt zwar nichts zum Platzproblem bei, spukt aber fortan wie ein Taschentuch mit Knoten durch meinen Kopf. Hoffentlich weiß ich später noch, auf welchen Umstand mich der gemerkte Taschentuchknoten hinweisen soll …

Zurück zum Laptop. Ganz oben kann er nicht liegen, da ist die Sporttasche etwas schmaler.  Ganz unten ist auch blöd. Dann müsste ich ja alles auspacken, um an ihn heranzukommen. Möglicherweise brauche ich ihn vor Ort, noch bevor ich mein Zimmer beziehen kann. Echt doof!

Ich erwäge, den kleinen Rollkoffer mitzunehmen, der mich auch sonst auf Reisen begleitet. Aber ist der nicht viel zu groß? Die fragen mich bestimmt, wie lange ich denn noch bleiben will. Gittis Koffer ist noch etwas größer. Was nun?

Ich erzähle Gitti von meinem Problem. Natürlich wirft sie die Frage zurück und erkundigt sich danach, was ich jetzt zu tun gedenke. Draußen schieben sich in diesem Moment die Wolken vorsichtig auseinander. Ein zarter Sonnenstrahl bahnt sich seinen Weg in unser Zuhause. Meinem Hirn entspringt parallel dazu eine Idee. Ich könnte einfach einen etwas kleineren Rollkoffer kaufen!

Gitti findet die Aussicht, einen gemeinsamen Ausflug in die Stadt zu unternehmen, ganz gut. Auf ihre Anregung hin trage ich die Dinge, die auf jeden Fall in den neuen kleinen Koffer passen sollen, zusammen. Dabei denke ich auch daran, dass Gitti und ich das gute Stück mal zusammen nutzen könnten, beispielsweise anlässlich eines kleinen Wochenendtrips. Es müssen also auch zwei Kulturtäschchen hineinpassen. Als ich mit einer Tastatur erscheine, spiegelt Gittis Gesicht wider, dass es ab jetzt schwierig werden wird. Eine anständige Tastatur beansprucht einen Platz von knapp 50 cm Länge, maximal drei Fingerbreit weniger. Dieses Mal bleibt die Tastatur auf jeden Fall zu Hause, aber ich möchte zukunftsfest handeln, deshalb erhält die Tastatur einen Platz auf der Forderungsliste.

Gemeinsam errechnen wir das erforderliche Fassungsvolumen des Gepäckstücks in Liter. Gitti weiß nämlich ganz genau, dass Koffergrößen hauptsächlich in Liter angegeben werden. Ich beschließe, ein Maßband mitzunehmen. Zum Vergleich messe ich noch schnell die Innenmaße des Koffers, mit dem ich sonst verreise. Dann geht es los.

In der Stadt besuchen wir unterschiedliche Geschäfte. Natürlich sind Koffergrößen heutzutage ziemlich einheitlich. Dennoch finden wir Varianten, bei denen sich das Nachmessen schon wieder lohnt. Im Laden wirken die Koffergrößen ganz anders. Das hat etwas mit der Größe des sie umgebenden Raumes zu tun. Gut, dass ich das Maßband mitgenommen habe! Der Verkäufer, der uns im letzten Geschäft betreut, kann ein Grinsen fast nicht unterdrücken. Ich nehme an, dass ich auf ihn ein bisschen skurril wirke. Da müssen er und ich jetzt durch. Gitti wirkt auch, und zwar inzwischen ein bisschen hungrig und genervt. Wir diskutieren noch schnell, welcher der beiden Koffer, die jetzt noch in Frage kommen, schöner ist. Dann fällt endlich eine Kaufentscheidung.

Als wir wieder zu Hause sind, stelle ich den neuen Koffer neben den alten. Was jetzt kommt, ist mir durchaus etwas peinlich, aber was soll’s: Die beiden Koffer haben exakt die gleiche Größe! Natürlich ist der neue wenigstens ein bisschen schöner. Ich hole die kleine Sporttasche und lehne sie schräg an die beiden Koffer. Einem Impuls folgend vergleiche ich die Maße der Sporttasche jetzt genauer mit den Koffermaßen. Lässt man die Rollen unter den Koffern einmal außer acht, so ergibt sich, dass die Sporttasche so lang ist, wie die Koffer hoch. Sie ist etwas schmaler als die beiden Koffer und ihr Fassungsvermögen ist deutlich kleiner als das der Koffer.

Die Aufteilung ist bei der Sporttasche ungeschickter. Sie hat links und rechts abgetrennte Taschen. Eine Tastatur hätte niemals in diese Tasche hineingepasst. Die Koffer haben beide eine stabile Außenhaut. Die Sporttasche fällt dagegen beim Be- und Entladen ständig in sich zusammen. Das hat mich schon immer gestört. Außerdem hat sie keine Rollen und weist ein deutlich höheres Leergewicht auf. In einer der beiden Kofferhälften wird beim anstehenden Trip gähnende Leere vorherrschen. Oder nutze ich den Platz doch, um noch etwas mehr Zeug mitzunehmen?

Ich rede mir das alles jetzt konsequent schön. Kichernd gestehe ich Gitti, dass die Koffer die gleiche Größe haben. Gitti gibt zu, dass sie sich das schon fast gedacht hat, mich aber nicht aus meinem Tunnel herausbringen konnte. Damit es nicht zum Misserfolg auf ganzer Linie kommt, gieße ich den Quatsch jetzt wenigstens noch in eine hübsche, wenngleich etwas teure Schmunzelstory. Nächste Woche will ich mir dann noch einen weiteren positiven Effekt schönreden: Das Zimmer, in welchem unsere Koffer wohnen, muss ich nach meiner Kofferkaufaktion nun dringend aufräumen. Ausmisten ist angesagt. Darin gibt es nämlich in Wahrheit gar keinen Platz mehr für einen zusätzlichen Koffer. Danach sieht es dort bestimmt wieder ganz toll aus – ganz bestimmt!

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