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Aufgeschlossen

Ich sitze nutzlos herum und finde etwas Zeit. Welch eine schöne Gelegenheit, meine Gedanken fliegen zu lassen! Natürlich gibt es immer etwas, was ich jetzt sinnvollerweise und endlich einmal tun könnte. An dieser Stelle muss ich ein bisschen aufpassen, sonst zieht es mich augenblicklich aus dem Sessel heraus und ohne jeden Umweg hinein in Aktivitäten, von denen ich mich am Ende wieder erholen muss. Manchmal muss man sich einfach hingeben, und so bleibe ich genau da, wo ich bin – jedenfalls körperlich.

Auf meiner Gedankenreise fällt mir bald ein Artikel ein, den ich vor einigen Jahren einmal las. Darin wurde über die Ergebnisse eines interdisziplinären Forschungsprojektes aus den Bereichen Mathematik, Informatik und Statistik berichtet. Klingt auf den ersten Blick trocken und langweilig? Mag sein, aber das Lesen des Artikels hat sich für mich wirklich gelohnt. Ich erfuhr nämlich, dass weltweit in Büchern, Artikeln, Filmen und Internetkommentaren deutlich mehr positiv besetzte Wörter verwendet werden, als negativ besetzte. Ist das nicht schön? Bei aller beklagenswerter Meckerei finde ich das wirklich ermutigend. Wir sollten das unbedingt beibehalten!

Nicht nur Wörter werden von uns positiv, neutral oder negativ besetzt. Was noch alles? Die Eigenschaften der Menschen sind es, die ganz oben auf der Liste stehen, stimmt’s? Welche davon tun sich besonders hervor? Ich veranstalte ein kleines Brainstorming mit mir selbst.

Nachdem ich in Gedanken die Eigenschaften gesammelt habe, die mir bei anderen Leuten gefallen, überlege ich, welche davon ich wohl auch selbst habe. Ein kleines Teufelchen serviert alsbald die ketzerische Frage, wie groß dabei wohl der Unterschied zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung sein mag. Hui, das ist ein gefährlicher Abzweig. Fest entschlossen, mich nicht ausgerechnet jetzt aus der eigenen Wohlfühlzone zu kicken, konzentriere ich mich darauf, vermeintlich sicheres Terrain nicht zu verlassen. Still bade ich nun ein wenig in Selbstbeweihräucherung. Selbstverständlich lasse ich dabei in Gedanken ein quietschgelbes Entchen zu Wasser. Den Rest dieses zeitlich bewusst kurz gehaltenen Vorgangs mag ich nicht genauer beschreiben, das hält ja niemand aus, mich eingeschlossen.

Frisch gestählt nehme ich mir vor, meine Aufgeschlossenheit künftig besser zu pflegen. Das ist jetzt kein riesiges Ding, aber es lohnt sich bestimmt, in dieser Hinsicht nicht vorzeitig herumzualtern. Vertraute Vorbehalte müssen nicht unnötig gut gepflegt und zementiert werden. Neue Gedanken bieten mir immer die Chance, mein Leben interessant zu halten. Wie war das noch? Höre nie auf, anzufangen und fange nie an, aufzuhören!

Mit diesen Gedanken im Gepäck breche ich zu einer kleinen Reise mit meinen Kollegen auf. Zuvor kaufe ich noch einen viel zu großen Koffer, aber das ist eine andere Geschichte.

Nach der Ankunft checken wir ein. Mit den Zimmerschlüsseln in Händen schwärmen alsbald alle aus. Ich mache noch einen kleinen Umweg. Etwas verzögert treffe ich vor meinem Zimmer ein. Schnell vergleiche ich noch die Nummern, die an der Zimmertür und auf dem Schlüsselanhänger stehen. Dann stecke ich meinen Schlüssel beherzt ins Schloss.

In diesem Schlüsselmoment drängt sich mein kleiner Vorsatz, den ich bezüglich der Aufgeschlossenheit gefasst habe, in den Vordergrund meines Bewusstseins. Gleich wird auch das Zimmer aufgeschlossen sein, fällt mir dabei auf. Welch ein verrücktes Spiel mit unserer Sprache! Gut gelaunt drehe ich den Schlüssel herum, drücke die Klinke nach unten und stoße die Tür auf.

Mein Blick fällt auf einen kleinen Koffer, der am Ende des schmalen Flurs im Zimmer steht. Er lugt etwa zur Hälfte hinter der Ecke hervor. Komisch. Direkt neben der Tür befindet sich das Bad. Licht dringt aus dem Bad heraus. Außer dem Licht dringen aus dem Bad noch ein paar Geräusche.

Vor lauter Schreck ziehe ich die Tür schnell wieder zu und schließe ab. Etwas ratlos stehe ich nun im Gang und starre abwechselnd auf die Nummer des Schlüssels und die an der Tür. Eine Kollegin kommt vorbei, ich höre mich ungläubig sagen: „Da ist schon jemand drin!“

Wen habe ich da bloß gerade eingeschlossen? Soll ich wieder aufschließen oder verbreite ich damit nur gruseliges Unwohlsein? Ich sammle mich, dann klopfe ich an die Tür. Es ist tatsächlich jemand drin, und zwar eine meiner Kolleginnen. Zur Klärung des Sachverhaltes begeben wir uns kichernd zur Rezeption. Unterwegs entschuldige ich mich für den unabsichtlichen und aufdringlichen Einbruch in die Privatsphäre meiner Kollegin. Sie nimmt es mit Humor, und das ist eine ihrer vielen positiven Eigenschaften, die ich sehr zu schätzen weiß. An der Rezeption stellt sich heraus, dass im zugehörigen Schlüsselfach des nun mehrfach auf- und wieder zugeschlossenen Zimmers der richtige Schlüssel und im Schlüsselfach eines anderen Zimmers der Zweitschlüssel des bereits bezogenen Zimmers gelandet ist. Zu dem anderen Zimmer gibt es glücklicherweise auch einen passenden Schlüssel, und den übernehme ich nun.

Mit Hilfe dieses Schlüssels sorge ich während unseres restlichen Aufenthaltes abwechselnd für die Aufge- und Verschlossenheit meines Zimmers. Mit Hilfe einer Prise Selbstdisziplin und einer ordentlich großen Portion Achtsamkeit versuche ich indessen, für meine eigene Aufgeschlossenheit zu sorgen.

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