Selbst Erfolg zu haben ist sexy, und häufig macht Erfolg den, der ihn hat, für andere sexy. Erfolgsgeschichten lesen sich besonders spannend, wenn es auf dem Weg zum Erfolg bunt zuging. Wir lieben es, wenn statt des erhofften Ergebnisses ein Flop riskiert wurde, der Erfinder irgendeinen Spleen hatte oder wenn der Zufall eine entscheidende Rolle spielte. Das ist der Stoff, den es für die eigenen Träume braucht.
Vor ein paar Tagen stolperte ich über die Entstehungsgeschichte der berühmten Cornflakes. Wusstest Du, dass die Dinger ausgerechnet in einem Sanatorium entwickelt wurden?
Schauplatz der Geschichte ist das Battle Creek Sanatorium in Michigan. Dort kämpfte der Arzt John Harvey Kellog gegen die Verdauungsstörungen einer überfressenen und zügellosen Gesellschaft. Mit Sport, Wechselbädern, gesunden und zugleich faden Brot- und Brei-Kreationen aus Getreide und Nüssen sowie regelmäßigen Darmspülungen rückte er seinen Patienten zu Leibe. Er verteufelte alles, was Spaß machte, darunter natürlich Tabak, Alkohol, Fleisch, Gewürze aller Art, Zucker und Sex. Dennoch pilgerten die Patienten bereitwillig nach Battle Creek.
Ende des 19. Jahrhunderts wurde in der Küche des Sanatoriums fleißig experimentiert. Der Zufall half bei der Suche nach einem gesunden Grundnahrungsmittel für die Patienten des Hauses. Vielleicht war es auch die Folge einer Nachlässigkeit, denn eines Nachts trocknete ein Rest gekochten Weizens in einer Schüssel vor sich hin. Vielleicht aus Respekt vor dem Lebensmittel, vielleicht aber auch aus einer Eingebung heraus, kratzte niemand das eingetrocknete Zeug aus der Schüssel, um es wegzuwerfen. Stattdessen walzte man es. Heraus kam kein Fladen, sondern ein Gebrösel. Auch das wurde nicht einfach weggeworfen, sondern geröstet – und dann tatsächlich den Patienten vorgesetzt. Und die knusperten zum Frühstück bereitwillig das flockige Ergebnis.
John Harvey Kellog war Arzt, aber kein Geschäftsmann. Sein Bruder Will Keith Kellog war Geschäftsmann, aber kein Arzt. Zusammen gründeten sie eine kleine Firma und vermarkteten die Flocken unter dem Namen „Granose“ als Gesundheitsnahrung. Bei Wikipedia finde ich einen Hinweis auf die erste Vermarktungsstrategie, derzufolge der Genuss der Flocken bei Verdauungsstörungen helfen und angeblich sogar das Verlangen nach Masturbation senken sollte.
Der Geschäftsmann unter den Brüdern, also Will Keith Kellog, experimentierte weiter. Er hatte das Potenzial der Flocken erkannt. Irgendwann ersetzte er den Weizen durch Mais und gab etwas Salz hinzu. Als er dann aber auch noch ausgerechnet Zucker beimischte, um die Dinger endlich in einer richtig schmackhaften Variante anbieten zu können, entzweiten sich die Brüder. John Harvey verkaufte weiter seine „Granose“, und Will Keith gründete eine eigene Firma. Zucker hebt bekanntlich den Geschmack vieler Lebensmittel. So wundert es nicht, dass die gezuckerten Maisflocken unter dem Namen „Cornflakes“ noch erfolgreicher vermarktet wurden als das fade Gesundheitsprodukt.
Was braucht es für einen Erfolg? Eine Idee, eine große Portion Mut, Fleiß und Hartnäckigkeit sowie ein gutes Gespür für das Potenzial einer Sache helfen auf jeden Fall. Man muss viele Hürden nehmen, sich gegebenenfalls durch einen Dschungel von Vorschriften quälen, Patente prüfen, Partner finden, Zeit und Geld investieren, und man darf nicht zu früh aufgeben – der Weg ist also nicht immer so sexy wie das angestrebte Ergebnis.
Gitti und ich brechen zu einem gemeinsamen Einkauf von Lebensmitteln auf. In der Gemüseabteilung entdecke ich eine Spargelschälmaschine. Mein Maschinenbauerherz schlägt sofort höher. Das muss ich mir genauer ansehen!
In die Seitenwände der Maschine sind Plexiglasfenster eingelassen, die neugierige Blicke ins Innere zulassen. Danke!! Von links nach rechts und mit dem Kopf voran kann sich jede einzelne Spargelstange ihren Weg durch die kleine Maschine bahnen. Vom Maschinenhimmel hängen senkrecht acht Transportwalzenpaare herab, die sich im Betrieb gegenläufig drehen. Federbelastet schmiegen sie sich seitlich an die Spargelstange an und schieben sie horizontal weiter. Der Spargel schwebt geradezu durch das Gerät. Zwischen den Walzenpaaren greifen je zwei einander gegenüberliegende Schälmesser zu. Sie werden pneumatisch zugestellt. Hinter dem nächsten Walzenpaar hängt auch gleich das nächste Schälmesserpaar. Es greift unter einem anderen Winkel an. Die Zahl der Messerpaare bestimmt die Form des geschälten Spargels. Je mehr es davon gibt, desto runder präsentiert sich das Ergebnis. Ich entdecke sechs Paare, also hat der Spargel später wohl einen Querschnitt mit 12 Ecken.
Wie filigran schneiden wir zu Hause eigentlich den Spargel mit unserem rein mechanischen Doppelschäler? Ja, es kommt auf den Durchmesser an, so genau kann man das also gar nicht sagen, aber …
Ich bin jedenfalls beeindruckt. Diese Maschine verspricht, ein Kilogramm Spargel in nur 20 Sekunden zu schälen. Zu gerne würde ich das jetzt ausprobieren! Leider gab es bei uns erst gestern Spargel und Gitti hat schon für weiteren Vorrat gesorgt, der noch ungeschält zu Hause auf uns wartet. Ich werde diese Maschine jetzt nicht in Aktion sehen. Die Kundschaft läuft achtlos vorbei. An den Schälmessern hängen noch ein paar Schalen. Nehme ich dort das zarte Wippen eines Schalenstreifens wahr, welches verrät, dass der letzte Spargelkunde die Maschine ganz kurz vor meinem Eintreffen noch laufen ließ? Ich habe meine Chance verpasst.
Auf dem Heimweg denke ich über den mühsamen Prozess der Produktentstehung nach. Auch hier war es sicher ein weiter Weg von der Idee bis zur laufenden Maschine. Ich fühle mich in die verschiedenen Stationen hinein, die diesen Weg gesäumt haben müssen – und ich empfinde den Stolz nach, der nach erfolgreicher Inbetriebnahme jeden erfüllt, der daran beteiligt war.
Später finde ich heraus, dass Spargelschälmaschinen dieser Bauart bereits bei diversen Filialen der Supermarktkette aufgebaut wurden. Im Netz finden sich sogar ein paar Videos, die solche und ähnliche Maschinen in Betrieb zeigen. Ich schaue ein paar der Videos an. Nebenbei singe ich leise das berühmte Lied „Veronika, der Lenz ist da“ an, welches die Comedian Harmonists einst natürlich viel schöner gesungen haben, als ich es je zu singen vermag. Ich steige passgenau dort ein, wo mir der Text besonders frivol erscheint:
„Veronika, der Lenz ist da
Die Mädchen singen tralala
Die ganze Welt ist wie verhext
Veronika, der Spargel wächst“
John Harvey Kellog wäre entsetzt gewesen!
Abschließend fällt mir wieder ein, was am Anfang jeder Entwicklung steht: Man muss das Potenzial einer Idee erkennen! Das gilt selbstverständlich gleichermaßen für Nahrungsmittel wie für Maschinen, Lieder und andere Dinge!