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Dem Bild entstiegen

Die Vorfreude treibt mich heute schon recht früh aus dem Bett. Gitti und ich haben uns gestern am späten Abend entschlossen, heute die immersive Ausstellung zu besuchen, die gerade noch in unserer Nähe läuft.

Lange haben wir überlegt, ob wir überhaupt hingehen wollen, denn inzwischen haben wir schon einige immersive Ausstellungen besucht. Das Format, also die Struktur der Ausstellung, ist uns bereits bekannt. Zunächst erwarten uns eine Fülle von Informationen über das Leben und das Werk des Künstlers. Wir werden vermutlich Drucke seiner berühmten Bilder sehen und eine kleine, virtuell animierte Reise unternehmen. Bestimmt gibt es eine Gelegenheit, selbst etwas zu Papier zu bringen oder auf eine andere Weise aktiv zu werden. Als Höhepunkt dürfen wir bestimmt wieder in eine große Lichtinstallation eintauchen. Nutzt sich das ab?

Die aktuelle Ausstellung widmet sich dem Werk des niederländischen Malers Jan Vermeer. Gitti und mir fallen ein paar der berühmten Gemälde ein, dazu gehören selbstverständlich das geheimnisvolle Mädchen mit dem Perlenohrring und die Dienstmagd mit dem Milchkrug. Wir wissen, dass Vermeer seine Bilder mit unglaublicher Präzision gemalt hat, und selten haben mich alte Ölbilder so tief berührt, wie diese.

Gitti und ich erwischen einen ausgezeichneten Zeitpunkt. Es ist noch früh, und es sind nur wenige Besucher vor Ort. So können wir ungestört die vielen Informationen aufsaugen und durch die verschiedenen Räume wandeln. Ab und zu gehen wir extra noch einmal zu einem der Bilder zurück, weil wir vage ein Detail erinnern, welches wir beim ersten Betrachten fast übersehen haben. Viele der Bilder beherbergen andere Bilder, wir sehen also immer wieder ein Bild im Bild.

Zum Beispiel steht auf einem der Bilder am offenen Fenster eine Frau. Sie liest einen Brief, und an der Wand hinter ihr hängt das Bild eines nackten Amors, welches zum Teil von einem Vorhang verdeckt wird. Dieses Bild des Armors finden wir auf einem anderen Gemälde wieder, auf dem im Vordergrund eine Dame auf einem Virginal spielt. Nebenbei bemerkt: Das Virginal hat eine Klaviatur und hört sich so ähnlich an wie ein Cembalo. Im Hintergrund dieses Bildes hängt also ebenfalls das Bild des Amors. Dieses Mal ist das Bild des Armors vollständig zu sehen. Und hier erkennen wir, dass er eine Art Spielkarte in die Luft reckt. Das Hochhalten einer Karte wurde früher im Theater als Hinweis genutzt, dass auf diesem Teil der Bühne gerade etwas Bedeutsames passiert. So wird unser Amor zum Hinweisgeber, der vielleicht sogar andeutet, um was für eine Art Brief es sich wohl handeln mag.

Den Amor hinter der Frau mit dem Brief hat man übrigens erst 1979 entdeckt, als das Gemälde einer Röntgenuntersuchung unterzogen wurde. Diese Stelle des Bildes wurde später mehrfach übermalt, aber nicht von Vermeer. Inzwischen hat man das Bild restauriert und dabei auch die Übermalungen entfernt. Seit 2021 ist die Komposition wieder so, wie Vermeer sie erdacht hat.

Fasziniert betrachten wir die Exponate. Der Ausdruck der abgebildeten Personen und die fast fotografisch gemalten Details schaffen eine unglaublich intime Atmosphäre. Das Gesicht der Frau, die den Brief liest, spiegelt sich sogar auf der Scheibe des geöffneten Fensters wider.

Besonders jedoch zieht uns das Licht in seinen Bann. Gitti und mir kommt es so vor, als ob bei vielen anderen Malern das Licht im Bild dadurch entstünde, dass sie graue Schatten auf die Flächen malten, die nicht direkt beleuchtet werden. Aber hier empfinden wir es so, als ob Vermeer nicht den Schatten gemalt hätte, sondern eben das Licht – überall dort, wo es auftrifft und stets passend zur Struktur der Oberfläche, an der es sich bricht.

Auf einem der Bilder überreicht eine Dienstmagd ihrer Herrin einen Brief. Wir können sehen, ja, geradezu körperlich spüren, wie sich die Stoffe, aus denen die Kleidungsstücke der beiden Personen genäht wurden, anfühlen. Es ist, als ob wir sogar das Papier des Briefes ertasten könnten, dessen Botschaft sich gleich der Dame in dem leuchtenden hellgelben Umhang mit dem Hermelinbesatz eröffnen wird. Das Licht verleiht der Szene seine Intimität.

Im immersiven Teil der Ausstellung unternehmen Gitti und ich zunächst eine virtuelle Fahrt durch Delft, wo der berühmte Maler mehr als Dreihundert Jahre vor Gittis und meiner Geburt lebte und arbeitete. Wir schippern durch Grachten, heben dann ab, um über die kleine Stadt und das nahe Meer zu fliegen und erfahren unterwegs etwas über das „Goldene Zeitalter“ der Niederlande.

Nach der launigen Fahrt dürfen wir selbst aktiv werden. Gitti und ich nehmen an einem Tisch Platz. Pigmentpulver unterschiedlicher Farbe, Wasser, Tropfpipetten, Pinsel und weißes Papier stehen zur Verfügung. Wir entspannen uns, rühren in kleinen Bechern unsere Farben an und geben uns leise einer kleinen Malaktion hin.

Zum Abschluss betreten wir einen Saal. Hier laden kleine Lederhocker und große Sitzkissen zum Verweilen ein. Begleitet von Musik ergießen sich über alle Wände und den Boden die Bilder einer beeindruckenden Lichtinstallation. Während ich so halb auf einem der Sitzkissen liege, nimmt Gitti schräg hinter mir auf einem Hocker Platz.

Wir landen in einem Rausch aus Farben, Licht und Bewegung.

Auf dunkelblauem Hintergrund schweben Blasen empor, und darin tanzt ein Paar in fließenden Bewegungen eine zärtliche Begegnung. Die Szene wechselt, geht harmonisch in eine andere über und diese wird wiederum aufgelöst und zur nächsten übergeleitet.

Vor einem roten Tulpenmeer wird nun ein leuchtender Bilderrahmen mit einem der berühmten Portraits überlebensgroß auf die Wand projiziert. Das Ölbild wechselt unmerklich zu einer Fotografie. Der Bildausschnitt ändert sich, bald ist die ganze Person im Rahmen zu sehen. Sie legt ihre Kopfbedeckung beiseite, streift die Robe ab und steht nun in einem weißen Kleid vor uns. Dann entsteigt sie dem Bild. Sie beginnt zu tanzen.

Ich erlebe, wie Emotionen, die Vermeer vielleicht einst erspürt und auf seine Leinwände gemalt hat, nun den ganzen Raum erfüllen. Ich sinke tief in diesen harmonischen Traum aus Licht, Farben, Bewegung und Musik. Ich bin ganz bei mir.

Gitti und ich verlassen die Ausstellung irgendwann. Unsere Stimmung ist ruhig und ausgeglichen. Erfüllt von all den Bildern spüren wir unserem Erlebnis wieder und wieder nach. Natürlich würden wir die Originale gerne einmal in einem Museum ansehen. Und ein Besuch der schönen Stadt Delft landet bestimmt auf unserem Zettel. Bemerkenswert finden wir, dass die Ausstellungsmacher uns hier einen ganz besonderen Zugang ermöglicht haben. Sie schufen Bilder, in denen Vermeers Bilder zum Bild im Bild wurden. Sie haben uns sehr berührt.

Am nächsten Morgen erwache ich ausgeruht und zufrieden, und mir ist, als wäre ich soeben einem wunderschönen Bild entstiegen.

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