Aus Respekt vor der Natur sollte ich vielleicht darauf verzichten, eine größere Gruppe von Pflanzen einfach als Unkraut zu beschimpfen. Zur Strafe wachsen und gedeihen die Vertreter dieser Pflanzengruppen prächtig. In unregelmäßigen Abständen rücke ich ihnen ums Haus herum zu Leibe.
Als Stadtkind habe ich mir standhaft eine große Portion Unkenntnis darüber bewahrt, was nun besser entfernt werden sollte und was nicht. Willkürlich und brachial gehe ich gegen alles vor, was mir just in dem Moment, in dem ich mich mit dem wuchernden Grünzeug beschäftige, nicht in den Kram passt.
Im Gegensatz zu Nachbar Hubsi verfüge ich nur über eine kleine Auswahl an Werkzeugen, die sich für Gartenarbeiten aller Art eignen. Bin ich dem Unkraut auf der Spur, kommen meistens nur eine kleine Gartenschere, ein Spachtel und ein Unkrautstecher zum Einsatz. Meine zarten Hände schütze ich mit ledernen Gartenhandschuhen. Ja, und dann krieche ich umher, rupfe, zupfe, schabe, kratze und schnibble vor mich hin, bis mich entweder die Kräfte oder die Lust verlassen oder mir das Ergebnis meiner Arbeit gefällt – oder bis Gitti mich ermahnt, es endlich mal gut sein zu lassen.
Diese Art von Arbeit empfinde ich durchaus als anstrengend. Vor mehreren Jahren hat Gitti mal im Eingangsbereich und auf der Terrasse das zwischen den Bodenplatten wachsende Zeug abgeflämmt. Natürlich wuchs es einige Zeit später mit neuer Kraft nach. Seither rupfe und zupfe ich wieder.
Letzte Woche sahen Gitti und ich zufällig einen Bericht im Fernsehen. Leute wie Du und ich testeten darin diverse Geräte, die zur Fugenreinigung angeboten werden. Die Fugenreinigung stand schon wieder auf dem gedanklichen Zettel, der meine zu erledigenden Aufgaben listet. Deshalb schalteten wir an dieser Stelle nicht auf ein anderes Programm um, sondern schauten interessiert zu. Eines der Geräte schien gut zu funktionieren. Gitti entschied, das Equipment flugs zu bestellen.
Gestern habe ich es ausprobiert. Ich steckte den Kopf des Werkzeuges, welches eine schmale Metallbürste, einen stabilen, schmalen Fugenkratzer und ein Dings, dessen Zweck sich mir noch nicht ganz erschlossen hat, in sich vereint, in die zugehörige Teleskopstange. Dann drehte ich die Metallbürste in Arbeitsposition und arretierte sie.
Binnen kurzer Zeit und vor allem stehend, statt kriechend konnte ich ein Ergebnis erzielen, welches sich sehen lassen kann. Anstrengend war die Prozedur immer noch, aber dieses Ding wird bei der nächsten Aktion gewiss wieder zum Einsatz kommen!
Heute gönne ich mir eine kleine Auszeit. In den VDI Nachrichten finde ich einen Artikel, der von spannenden Entwicklungen in der Agrartechnik berichtet. Für Bauern ist die Bekämpfung von Unkraut ein wichtiges Thema. Sie wollen den Nutzpflanzen, die sie gesät haben, optimale Bedingungen zum Wachstum bieten. Diese Nutzpflanzen konkurrieren mit dem, was der Bauer auf seinem Feld nicht haben möchte und was deshalb für ihn Unkraut darstellt. Was kann der Bauer also tun? Setzt er auf das Jäten, vielleicht sogar auf das gezielte Vergiften unliebsamer Pflanzen?
Der Artikel berichtet von hochmodernen Maschinen. Am Trecker hängen Module, die mit hochauflösenden Kameras den Acker scannen. Eine Software liest die Bilder ein. Sie erkennt Formen von Blättern und gleicht sie mit Bildern ab, die in einer Datenbank gespeichert sind. Auf diese Weise erkennt die Maschine, welches Blatt zu einer Nutzpflanze gehört, und welches einem Unkraut zuzuordnen ist. Findet der Bauer einmal selbst ein neues Unkraut, so lädt er ein Foto davon hoch und ergänzt damit die Datenbank.
Dem Unkraut geht es sodann an den Kragen. Eine der Möglichkeiten, die dabei genutzt werden, ist diese: Die Maschine errechnet, wo sich das Wachstumszentrum des Unkrauts befindet, und zerstört es mit einem gezielten Laserstrahl.
Fasziniert und zugleich ein wenig schaudernd wende ich mich vom kriegerisch anmutenden Geschehen auf dem großen Acker ab.
Mein Gehirn verarbeitet, wovon ich las. Und plötzlich sehe ich mich selbst, wie ich gemütlich und dekadent zugleich vor der Haustüre oder auf der Terrasse sitze, einen kühlen Drink schlürfe und ganz nebenbei einen handlichen Laserpointer auf die Fugen zwischen den Bodenplatten richte. Ich fahre mit dem Laserstrahl die Konturen ab und gebiete dem Unkraut Einhalt. Oder wird irgendwann ein kleiner Roboter hier herumfahren und das Problem ganz alleine bearbeiten?
Na, ich weiß nicht so recht. Vielleicht bleibe ich unserem heimischen Unkraut doch lieber etwas traditioneller auf der Spur. So hat es dann auch ausreichend Zeit, sich zwischen meinen Aktionen wieder überall auszubreiten.