Im Biergarten gibt es heute Live-Musik. Es ist Mitte August. Das Wetter wartet mit etwas weniger heißen Temperaturen auf als gestern. Ein Biergartenbesuch? Ja, das zipft uns jetzt an. Wir können dort ein Häppchen essen, uns ein kühles Nass gönnen und vielleicht sogar ein wenig tanzen. Unsere Freundin Tina begleitet Gitti und mich.
Die Stimmung im Biergarten empfinde ich als gelöst. Das Publikum besteht aus einer bunt gewürfelten Mischung unterschiedlichster Menschen. Vom Baby bis zum Silberrücken, alle sind sie gekommen, und jeder trägt auf seine Weise zur Stimmung bei. Die Band gibt alles, um uns gut zu unterhalten.
Zunächst stoßen wir mit frisch gezapften Getränken auf den noch jungen Abend an. Dann bieten wir unserem Magen eine feste Grundlage an. Nicht, dass wir uns jetzt und hier betrinken wollten, aber in leere Mägen geschüttet, gelänge es dem Bier deutlich schneller, unsere Sinne zu trüben. Fröhlich wippen wir mit den Füßen, lauschen der Musik, tanzen ein wenig im Sitzen, diskutieren in den Pausen über alles, was uns zurzeit so umtreibt, erzählen einander, was wir in letzter Zeit erlebt haben und lassen es uns gutgehen.
An unserem Tisch nimmt ein Ehepaar Platz. Sie reißt es immer wieder von der Bank, und dann wagt sie, am Tisch stehend, ein Tänzchen, singt fröhlich mit und setzt sich erst wieder, als auch die Band eine Pause einlegt. Er sitzt ihr gegenüber.
Mehr kann man über ihn eigentlich nicht sagen. Er sitzt einfach da und guckt geradeaus. Sobald seine Frau mal wieder selbst auf der Bank sitzt, kann er ihr in die Augen sehen. Ob er da auch reinschaut oder ob das nur zufällig die Blickrichtung ist, mit der er sonst das Geschehen auf dem heimischen Fernseher verfolgen kann, erschließt sich uns nicht. Ab und zu wechseln sie ein paar spärlich gesäte Worte miteinander. Vielleicht wurde zwischen ihnen heute bereits alles gesagt, was es zu sagen gab. Man kann schließlich auch einmal miteinander schweigen.
Während sie also einen durchaus bewegten Abend erlebt, sitzt er da, guckt geradeaus und nippt immer wieder an seinem Bierkrug. Er macht noch nicht einmal einen unglücklichen Eindruck. Sie aber auch nicht. Also scheint alles in Ordnung zu sein – und ob er nun zu Hause geradeaus guckt oder hier …
Wir schauen den Leuten zu, die es bereits von ihren Sitzen gezogen und auf die freie Fläche vor der Band getrieben hat. Einer der Silberrücken korrigiert in regelmäßigen Abständen den Sitz seiner Hose, die mit jedem Takt und der Schwerkraft folgend wieder ein Stück von seinen Hüften nach unten rutscht. Jetzt hat er genug, bleibt kurz stehen und schnallt den Gürtel einfach enger. Und dann wirft er die Arme wieder hoch in die Luft, schwenkt sie zusammen mit seiner Angetrauten in großen Bögen von links nach rechts und wieder zurück. Beide strahlen einander verliebt an. Das ist so schön anzusehen!
Tina und mich reißt es jetzt auch von den Bänken. Gitti mag heute lieber im Sitzen weitertanzen, und sie hält ein Auge auf Tinas Rucksack. Es tut mir gut, mal wieder zu fetziger Musik zu tanzen. Mir fallen zwei mittelalte Frauen auf, die bislang keinen einzigen Song ausgelassen haben. Etwas am Rand, aber doch irgendwie auch mittendrin, tanzen sie unermüdlich auf der Stelle. Sie lassen ihre Hüften im Takt schwingen, singen mit, wo immer sie den Text noch wissen und rudern glücklich mit den Armen in der Luft herum.
Der größte Teil des Bodens ist bei uns im Biergarten mit einer Mischung aus Kies und Rindenmulch bedeckt. Auf dem Zeug kann man erstaunlich gut tanzen, das findet auch Tina.
Ein paar Kinder hüpfen über die Tanzfläche. Erstaunlich viele Paare ganz unterschiedlichen Alters legen einen flotten Discofox aufs Rindenmulchparkett, zum Teil sogar recht kompliziert choreographiert. In unserem Biergarten muss man sich zwar seine Speisen und Getränke selbst holen, aber das Personal kümmert sich ums Abräumen. Und so fahren die Abräumer mit ihren Bollerwagen auch immer wieder über die Tanzfläche, und sie tippeln dabei alle im Takt.
Nach einer Weile sehe ich mal wieder zu den beiden mittelalten Damen hinüber. Kurz nach dem Refrain von „It’s Raining Men“ fällt mein Blick etwas nach unten. Dort sehe ich zwei beachtliche Rindenmulchkreise. Und die gibt es genau da zu bestaunen, wo die beiden Damen seit mehr als einer Stunde ihren Stehtanz vollführen. Rund um ihre Füße herum hat sich bei jeder der beiden jeweils ein perfekt ausgetanzter, formschöner und selbstredend kreisrunder Rindenmulchkreis gebildet. Und sie singen die Stelle mit dem Hallelujah glockenhell mit, werfen ihre Arme gen Himmel und sorgen dafür, dass der Rand ihres Rindenmulchkreises sich noch ein bisschen höher aufwirft. Ach, wie wunderbar!