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Die Vielfalt des Versetzens

Vor ein paar Tagen hat ein kleines Wort damit begonnen, mich zu beschäftigen, und seither geistert es immer wieder in all seinen Varianten durch meine Gedanken: Versetzen.

Die Reise geht los, als ich so genüsslich wie nichts ahnend auf einem bequemen Sessel herumlungere und meine Seele baumeln lasse. Wie es das Wort in mein Ohr oder einfach ohne Umweg direkt in meine Gedanken geschafft hat, kann ich nicht mehr nachvollziehen. Aber es ist plötzlich da. Mehr noch: Das Wort macht es sich regelrecht bei mir gemütlich!

Mein erster Gedanke kommt ganz harmlos daher. Dieser Gedanke fragt schlicht danach, ob mich das Versetzen in diesem Moment aktiv, passiv oder gar nicht betrifft.

Aktiv wäre es, wenn ich etwas versetzte. Da ich nur hier herumsitze, kann davon keine Rede sein. Ich versetze heute sicher weder Berge noch größere Gegenstände! Alles wird an seinem Platz bleiben. Und wenn nicht, dann hat das bestimmt nichts mit mir zu tun. Verabredet bin ich nicht. Also versetze ich selbst niemanden, wenn ich nur weiter hier sitze.

Passiv kann mich ein Versetzen oder eine Versetzung durchaus betreffen. Die fehlende Verabredung sorgt dafür, dass mich heute niemand versetzen kann, indem er einfach nicht erscheint. Mir entfahrt spontan ein lautes: „Ätsch!“

Eine Versetzung im beruflichen Kontext? Ich richte mich kurz im Sessel auf, um mich gebührend zu empören: „Na hör mal, es ist Feierabend!“

Nun sinke ich wieder in des Sessels weiche Arme. Während ich in den wunderbaren Modus des Herumlungerns zurückkehre, fällt mir ein, dass Schulkinder bald wieder versetzt werden – zumindest, wenn es gut läuft und sie im nächsten Schuljahr eine höhere Klasse besuchen dürfen. Ach, wie schön, dass mich das nichts mehr angeht! Wo habe ich eigentlich meine ganzen alten Zeugnisse vergraben? Bei Gelegenheit gucke ich vielleicht mal danach …

Sodann fällt mir ein Versetzen der ganz anderen Art ein, und daran finde ich spontan großen Gefallen. Jemand anderes, etwas, vielleicht auch ein Umstand oder gar ich selbst könnte mich in die Lage versetzen, noch mehr meiner Träume zu verwirklichen! Au fein!

An dieser Stelle kommt Gitti ins Zimmer, nimmt Platz und erinnert mich daran, dass wir in ein paar Tagen ein zeitgenössisches Tanzstück ansehen werden, für das sie vor einiger Zeit Karten reserviert hat. Allein mit diesem Hinweis versetzt sie mich sofort in einen Zustand der Vorfreude.

Worum wird es bei dem Stück gehen? Gitti sagt, es hätte etwas mit Dionysos zu tun. Aha. Außerdem sagt sie, das Stück hieße „Imbalance“.

Dionysos, der Gott des Weines? Ja, der wird doch mit Freude und Ekstase verbunden! Der Titel „Imbalance“ deutet auf ein Ungleichgewicht hin. Gitti spürt, worüber ich nachdenke und ergänzt, dass Dionysos zugleich ein Gott des Wahnsinns gewesen sein soll.

Sie zaubert ein Programmheft hervor und findet weitere Hinweise auf das Stück. Es setzt sich mit dem Widerspruch zwischen den menschlichen Bedürfnissen nach Kontrolle und Freiheit auseinander. Das Tanzstück greift auf, wofür Dionysos sonst noch steht: Produktivität, schöpferische Kraft, Hingabe, aber auch Selbstaufgabe und Zerstörung. Das wird bestimmt spannend!

Ein paar Tage später findet die Vorstellung endlich statt. Gitti und ich erleben ein ausdrucksstarkes Spektakel. Die Musik und die Bewegungen nehmen uns mit in eine Welt, die hoch dynamisch, packend, spannend, mitreißend und dann wieder poetisch, traumhaft und ganz zart ist! Gemeinsam tauchen wir bereitwillig in die Energie des Tanzes und der Musik ein.

Die Company besteht aus zwei Tänzerinnen und drei Tänzern. Synchron, exakt und stakkatoartig ausgeführte Bewegungen, die einem schnellen, eindringlichen Beat folgen, lassen uns deutlich eine uniforme Kontrolle spüren. Aber das ist nicht nur ein Ausdruck von Kontrolle, sondern es vermittelt auch eine Form von Gemeinschaft. Auf vielen Fêten haben wir selbst doch zeitweise gerne gemeinsam so getanzt, als wären wir alle eins. Wenn sich alle gleich bewegen, entsteht ein ganz besonderes Gefühl der Verbundenheit. Ich verspüre große Lust, einfach aufzuspringen und mitzutanzen. Gitti sieht so aus, als ginge es ihr genauso.

Immer wieder bricht die Szene auf. Dann löst sich eine der Tänzerinnen oder einer der Tänzer aus der synchronen Bewegung und wird als freies Individuum sichtbar. Ein Spotlight verstärkt den Effekt visuell. Ja, so eine Art Solo-Einlage haben wir bei unseren Fêten auch gerne mal gegeben. In diesen Szenen liegt eine kraftvolle Spannung, die nahtlose Übergänge zwischen purer Lebensfreude und ganz sanften, traumhaften Passagen schafft. Es gibt viel Raum für tiefe und ruhige Gefühle – und dann nimmt das Tempo wieder an Fahrt auf, bis uns die ekstatische Stimmung erneut komplett mitreißt. Welch ein Feuerwerk!

Am Ende der Vorstellung fühle ich mich ganz aufgeladen mit Freude und Faszination. Gitti ist genauso begeistert. Der wunderbare Beat begleitet uns auf dem Heimweg. Im Gefühl tanzten wir immer noch ganz ausgelassen auf einer großen Party, finden aber zugleich Ruhe und Muße.

In einem dieser ruhigen Momente fällt mir das Versetzen wieder ein. Diesmal ist es das Versetzen in Situationen, in Menschen und deren Emotionen. Und so spüre ich noch einmal dem soeben Erlebten und einer Reihe anderer Gefühle und Gedanken nach, die mich in den letzten Tagen begleiteten. Auf meinem Gesicht breitet sich ein Schmunzeln aus. Ganz bewusst feiere ich die wunderbare Vielfalt des Versetzens.

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