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Ein Schlüsselerlebnis

Am späten Sonntagabend wird es in den Häusern langsam dunkel und still. Über sieben Millionen Menschen haben im Fernsehen den Sonntagskrimi verfolgt. Deutlich weniger Zuschauer wohnen noch der nachfolgenden Ausstrahlung eines Polittalks und eines Nachrichtenmagazins bei. In vielen Haushalten begeben sich die Menschen zu Bett. Dort schlafen sie bald der siebten Kalenderwoche des Jahres entgegen.

Draußen wird es unterdessen frostig. Neben einer Tankstelle liegt das Gelände einer Autovermietung. Zwei helle Scheinwerfer bohren sich durch die Dunkelheit. Sie werden langsam größer und kündigen die Ankunft eines Wagens an. Kurz vor der Tankstelle verzögert sich die Geschwindigkeit des Fahrzeugs deutlich. Die Tankstelle ist nur spärlich beleuchtet. Der Fahrer des Wagens ist Georg. Er parkt den Mietwagen auf dem Parkplatz der Autovermietung, sucht seine persönlichen Sachen zusammen, verlässt das Fahrzeug und verriegelt dessen Türen.

Den Wagen hat Georg für zwei Tage gemietet, um darin sperrige Dinge transportieren zu können. Seine Transportaufgaben sind nun so erledigt, wie er selbst. Jetzt muss er den Wagen nur noch zurückgeben. Die Kälte kriecht unter Georgs Jacke. Wäre die Tankstelle noch offen, könnte er die Wagenschlüssel einfach dort abgeben – persönlich, so, wie er es mag. Genau so stand es in den Unterlagen, und so hatte man es ihm auch bei Übernahme des Wagens erklärt. Er weiß nicht, dass es an dieser Tankstelle einen Nachtschalter gibt, an dem ein einsamer Tankwart im Halbdunkel seinen Dienst verrichtet.

Georg vergräbt seine Hände in den Jackentaschen, schlägt den Kragen der dicken Jacke nach oben, zieht seinen Hals ein und bedauert kurz, keinen Schal mitgenommen zu haben. Dann begibt er sich auf die Suche nach einer Stelle am Gebäude der Autovermietung, an der er den Schlüssel einwerfen kann.

Gesucht, gefunden! Georg bemerkt, dass Kameras das gesamte Gelände und speziell diesen Bereich überwachen. Deshalb hält er den Schlüssel bewusst nach oben, sogar direkt neben sein Gesicht, lächelt frierend in die Kamera und wirft den Schlüssel mit einer eleganten Bewegung in den Schlüsseltresor der Autovermietung.

Als der Schlüssel gerade seine Finger verlässt, um endgültig in den Schlund des Tresors hinabzufallen, fragt Georg sich kurz, seit wann eigentlich an den Leihwagenschlüsseln keine Plastikanhänger mehr angebracht sind. Früher konnte man darauf auch das Kennzeichen des Mietwagens ablesen. Das hat schon so manchem dabei geholfen, den fremden Wagen in der fremden Umgebung wiederzufinden, in der er ihn vor ein paar Stunden achtlos abgestellt hatte, ohne sich den Ort genau einzuprägen.

Georg gönnt sich ein kurzes Schulterzucken, dann läuft er schnellen Schrittes zu seinem eigenen Fahrzeug, welches er vor zwei Tagen in der Nähe geparkt hatte. In seiner Hosentasche ertastet und bedient Georg den Schlüsselknopf, mit dem die Fahrzeugtüren zu entriegeln sind. Sein Auto steht still und davon völlig unbeeindruckt vor ihm. Eine kleine Windböe bläst ihm eiskalt ins Gesicht.

Kann es sein, dass die Batterie des Schlüssels jetzt schon zu schwach ist, um Georgs Wunsch drahtlos an das Schließsystem seines Fahrzeugs zu übertragen? Er seufzt und schickt sich an, den Schlüssel aus der Tasche zu holen. Der Schlüssel wehrt sich. Irgendetwas hakt. Liegt es an der Kälte, dass Georg ihn schier nicht seiner Hosentasche entwinden kann?

Mit etwas Geduld gelingt es Georg dann doch, den Schlüssel hervorzuholen. Ein Plastikschild hatte sich in den Tiefen seiner Hosentasche verhakt. Es ist das Plastikschild mit dem hilfreichen Aufdruck der Autovermietung – und es hängt an dem Autoschlüssel, den Georg ungläubig in seinen Händen hält!

Die Erkenntnis trifft ihn ohne weitere Vorwarnung: Sein eigener Autoschlüssel liegt im fest verschlossenen Tresor. Da kommt er heute nicht mehr dran. So ein Mist!

Georg hat eine liebe Ehefrau. Zum Glück versenkte er vorhin nicht auch noch sein Smartphone im Tresor! Er ruft also jetzt seine Frau an und erklärt ihr die missliche Lage, in die er geriet. Sie wird sich gleich auf den Weg zu ihm machen. Georg ist erleichtert.

Versonnen starrt Georg eine Weile lang den Schlüssel an, den er eigentlich hätte abgeben müssen. Er widersteht dem Impuls, diesen Schlüssel jetzt auch noch in den Schlund des Tresors zu werfen. „Dich gebe ich erst ab, wenn meine Frau mich gerettet hat. So lange wärme ich mich noch in dem Wagen auf, den ich gerade hier abgestellt habe. Das hast Du jetzt davon!“, tadelt er das unschuldige Ding.

Dem Schlüssel ist das vermutlich schnurz egal, aber Georg fühlt sich, als hätte er jetzt wenigstens einen kleinen Sieg errungen. Morgen wird er seinen eigenen Schlüssel abholen. Ob die Angestellten der Autovermietung sich wohl regelmäßig die Videoaufnahmen anschauen? Georg schüttelt den Gedanken schnell ab und beginnt stattdessen schon einmal damit, sein Schlüsselerlebnis zu verdauen.

Zwei helle Scheinwerfer bohren sich durch die Dunkelheit. Sie werden langsam größer und kündigen die Ankunft eines Wagens an. Kurz vor der Tankstelle verzögert sich die Geschwindigkeit des Fahrzeugs deutlich. Georgs Frau ist endlich da, wie schön!

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