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Es dreht sich

In einer Fachzeitung stolpere ich über einen Artikel. Die fett gedruckte Schlagzeile, unter der dieser Artikel steht, elektrisiert mich sofort. Genau das ist die Aufgabe der Schlagzeile. Noch bevor ich auch nur einen einzigen Satz des Artikels lese, ploppen in mir zahlreiche Fragen auf.

Wenn das so ist, lohnt es sich auf jeden Fall, den Artikel zu lesen! Meine Neugierde ein wenig zügelnd halte ich inne, lasse die vielen Fragen auf mich wirken und versuche mir vorzustellen, welche Antworten es darauf geben könnte.

Ich will Dir den Titel des Artikels nicht vorenthalten, er lautet: „Der innere Erdkern dreht um.“

Vielleicht zuckst Du an dieser Stelle mit den Schultern und überlegst, ob Du diese Geschichte überhaupt noch lesen möchtest. Lass dir Zeit, entscheide selbst.

Falls Du noch dabei bist: Herzlich willkommen!

Die Erde ist rund, sie dreht sich schon seit ziemlich langer Zeit immer weiter. Jeden Tag dreht sie sich um sich selbst und zieht zudem noch ihre Bahnen um die Sonne. Zusammen mit der Sonne und allem, was sonst noch dazu gehört zieht das ganze System seine Bahnen durchs nächstgrößere System. Längst haben wir uns daran gewöhnt, auf diese Weise nach außen zu gucken, in immer fernere Sphären.

Der Artikel, den ich fand, beschäftigt sich damit überhaupt nicht. Er guckt in die andere Richtung. Er berichtet von etwas, was sich tief unter unseren Füßen abspielt. Mit tief meine ich: 5100 km tief.

Oben auf der Erde dreht sich der Mensch. Viel zu oft dreht er sich dabei um sich selbst. Das mag daran liegen, dass der Mensch sich selbst stets als ein Zentrum wahrnimmt. Alles ist immer um ihn herum, also vor, hinter, neben, über oder unter ihm angeordnet. Er ist zwar nicht das Zentrum allen Seins, aber etwas anderes passt schier nicht zu seiner Art, die Welt wahrzunehmen.

Ich lasse diese Gedanken ein wenig auf mich wirken, bevor ich mich endlich auf die Ereignisse einlasse, die da unten in der Tiefe geschehen.

Unter meinen Füßen gibt es eine feste Schicht, auf der ich wandeln kann. Okay, auf dem Meer sollte ich eher schwimmen, aber auf dem festen Meeresgrund könnte ich wandeln, wenngleich das eher theoretischer Natur ist. Ich vertraue darauf, dass mich der Auftrieb oder etwas anderes wieder nach oben spült, an die Wasseroberfläche, an der ich dann hoffentlich wieder frische Luft atmen kann.

Unter der festen Schicht liegt der flüssige Erdkern. Ich stelle mir das wie ein rotes, heißes Meer vor. Das kommt daher, dass Vulkane in meiner Vorstellung manchmal einen Teil von genau diesem Zeug ausspucken, und das ist eindeutig flüssig und glühend rot.

Inzwischen hat man entdeckt, dass in diesem flüssigen Kern ein fester Kern schwimmt. Er besteht vor allem aus Eisen und Nickel. Rund 6.000°C und ein Druck von gigantischen 330 Giga-Pascal prägen diesen Ort. Üblicherweise herrscht bei uns in der Stadt ein Luftdruck von etwa 1023 Hekto-Pascal. Wenn Du an die 330 noch sieben Nullen anhängst, dann hast Du den Druck in Hektopascal, der am festen Erdkern herrscht. Das ist zuviel für meine kleine Vorstellungskraft, und also wage ich noch einen anderen Versuch. Die Pumpe unserer Kaffeemaschine kann meines Wissens maximal 20 bar Druck aufbauen, und sie presst das Wasser mit 9 bar durch den gemahlenen Kaffee. 9 bar entsprechen bei der Zubereitung leckeren Kaffees zurzeit dem Goldstandard. 330 Giga-Pascal sind 3.300.000 bar.

Stimmt, das kann ich mir jetzt genauso wenig vorstellen. Was soll’s! Einen Versuch war es allemal wert!

Der feste Erdkern schwimmt also in dem flüssigen herum. Und er rotiert dabei um die Erdachse. Seine Rotationsgeschwindigkeit ist eine andere als die des Erdmantels. Scheinbar hat der feste Kern inzwischen an Tempo verloren. Er dreht jetzt langsamer als der Erdmantel. Und wenn man nun vom Erdmantel aus auf ihn guckt, sieht es so aus, als hätte er die Richtung geändert, in der er um die Erdachse rotiert. Das erklärt das Bild, welches die Schlagzeile „Der innere Erdkern dreht um“ suggeriert.

Was bedeutet das jetzt für mich? Was passiert mit unserem Magnetfeld? Ich habe viele Fragen!

Dann lese ich irgendwo, dass sich dieser Effekt alle 60-70 Jahre wiederholt. Spontan und schulterzuckend sage ich halblaut: „Ach so, na dann!“

Aber gleich danach folgen neue Fragen. Wie jetzt?!? Ruht der sich zwischendurch aus und wird dann wieder schneller? Ich finde einen Hinweis darauf, dass der Kern oszillieren könnte. Hat das gleichzeitig etwas mit dem Magnetfeld, der Gravitation und der Hydrodynamik zu tun? Woher kommt der Schwung? Oder bleibt das Ding doch irgendwann einfach stehen?

Es kommt mir immer mehr so vor, als eiere der Erdkern da unten genauso herum wie ich gerade hier oben. Nur völlig anders dimensioniert …

Ich erzähle Gitti von meinen Gedanken. Sie hilft mir bestimmt dabei, wieder auf vertraut festem Grund zu stehen. Und tatsächlich gelingt es ihr, dass ich bald über eine ganz andere Vorstellung staune. Wie auch immer unser Gespräch sich in diese völlig andere Richtung drehen konnte, sehe ich uns beide plötzlich am Nordpol stehen.

Gitti steht dabei selbstverständlich genau auf dem Nordpol, und ich stehe eine halbe Armlänge von ihr entfernt. Wir reichen uns die Hände. Es ist saukalt, aber das tut gerade nichts zur Sache.

Ich laufe um Gitti herum. Sie hält meine Hand und dreht sich mit. Für mich bleibt sie stets genau im Norden. Von ihr aus gesehen ist alles Süden. Wie sehr ich auch glaube, in westlicher oder zur Abwechslung auch mal in östlicher Richtung um sie herumzulaufen, für sie bin ich die ganze Zeit über im Süden. Am Nordpol gibt es kein West und kein Ost.

Ich höre bald auf, um sie herumzulaufen, denn mir ist kalt. Ich möchte nach Hause! Deshalb ziehe ich Gitti vom Pol und gemeinsam rennen wir, so schnell wir können, gen Süden. Weit unter unseren Füßen dreht der feste Erdkern seine Runden. Und hier, an der Oberfläche des Erdmantels, drehen wir uns, scheren uns nicht weiter darum, was sich wann in welche Richtung dreht – und wachen dann endlich wohl behütet im warmen Bett wieder auf.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Tom

    Eine ganze Weltreise, ohne das Bett zu verlassen – das soll euch beiden erst mal einer nachmachen!

    Viele Grüße!

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