Wartend stehe ich am Straßenrand. Gitti hat sich bereits auf den Weg gemacht, um mich hier abzuholen. Die schmale Straße führt quer durch einen Stadtgarten.
Natürlich hypnotisiere ich die Straße, um Gittis Ankunft nicht zu verpassen. Einen Teil meiner Aufmerksamkeit widme ich daneben der wunderbar nutzlosen Tätigkeit, die Umgebung auf mich wirken zu lassen.
Sofort keimt Protest auf, denn: Das ist nicht nutzlos!
Grünanlagen dienen im öffentlichen Raum der Erholung. Sie wirken als grüne Lungen positiv auf die Luftqualität ein und bieten allerlei Pflanzen und Tieren einen attraktiven Lebensraum. Die soziale Funktion öffentlicher Plätze ist nicht zu unterschätzen. Hier begegnen sich die Menschen. Manche sind und bleiben einander fremd, andere lernen sich genau hier kennen, und viele stärken in einer solchen Umgebung ihren Zusammenhalt.
Wenn ich also vermeintlich nutzlos nur die Umgebung auf mich wirken lasse, erhole ich mich prächtig. Ich betrachte Pflanzen, begegne Menschen und Tieren. Manchmal nehme ich kurz Kontakt auf, vielleicht nur zum Austausch eines kleinen Blickes, eines Lächelns oder eines Grußes. So etwas ist gewiss nicht nutzlos!
In diesem Stadtgarten gibt es einen kleinen, schön angelegten See. Über die Grünanlage verteilt laden Bänke und geschwungene Holzliegen zum Verweilen ein. In den Blumenbeeten blüht und summt es. Vögel zwitschern und hüpfen durchs Geäst der Bäume oder fliegen umher.
Der Verkehrslärm und die Geschäftigkeit der Stadt treten immer mehr in den Hintergrund.
Einige Gänsefamilien spazieren mit ihren jungen Küken umher. Das Gefieder der Küken sieht noch ganz flauschig aus. Wie alt mögen sie wohl sein? Vier Wochen vielleicht?
Begleitet von zwei ausgewachsenen Graugänsen, die mutmaßlich das Gänseelternpaar bilden, erkunden fünf Küken jetzt meine nähere Umgebung. Am Fuße eines Baumes picken sie eifrig im Gras. Gans und Ganter beobachten derweil aufmerksam, was drumherum geschieht. Mit hoch erhobenen Köpfen auf lang gereckten Hälsen passen sie auf die Kleinen auf.
Ich möchte nicht stören und verhalte mich ganz still.
Ohne Geschnatter strebt die Gänsefamilie nun, selbstredend und buchstäblich im Gänsemarsch, gen Straße. Das erste Elterntier hüpft den kleinen Bordstein hinunter in den Rinnstein. Das andere Elterntier bildet die Nachhut. Dazwischen trödelt die Kükenschar vor sich hin. Die Aufstellung des Gänsemarsches verliert sich bald, und doch bleiben die Familienmitglieder einigermaßen beisammen.
Einige Autos umfahren in einem rücksichtsvoll großen Bogen und mit langsamem Tempo die große Gans. Erste Küken erreichen den Bordstein. Sie entdecken die kleine Pfütze, die sich einen halben Meter weiter in meine Richtung heute früh beim Regen im Rinnstein gebildet hat und noch nicht vollständig abgetrocknet ist. Das ist viel spannender als jetzt im Gänsemarsch die Straße zu überqueren. Vier der fünf Küken legen also eine ausgedehnte Trinkpause an der Pfütze ein. Das fünfte Küken beginnt mit dem Kreuzen der Straße. Die Gans, die als Vorhut unterwegs war, stellt sich deshalb jetzt mitten auf den Fahrstreifen. Das Küken bleibt in ihrer Nähe. Würde die Gans nun noch die Flügel ausbreiten, sähe sie wie ein Schülerlotse aus.
Sofort imaginiere ich, wie die Lotsen-Gans, gehüllt in eine neongelb in der Sonne leuchtende Weste mit reflektierenden silbergrauen Streifen, den Verkehr regelt. Eine gelbe Schirmmütze sitzt auf ihrem Kopf. Selbstverständlich hält sie eine in den Farben Weiß und Rot gehaltene Lotsen-Kelle im Flügel.
Der Verkehr kommt vollständig zum Erliegen. Geduldig warten die Führer der Kraftfahrzeuge darauf, dass es hier weitergeht.
Ich widerstehe dem Impuls, auf die trödelnde Gänseschar zuzugehen, um sie zum Überqueren der Straße zu bewegen. Die große Gans, die sowohl den Nachwuchs im Rinnstein als auch mich im Blick behält, kann ihren Job sowieso besser ohne meine Hilfe erledigen.
Was wird sie nun tun? Auf welche Weise sorgt sie wohl dafür, dass der Weg fortgesetzt wird?
Das Tier bringt Geduld auf. Es verzichtet auf Geschnatter. Das Ausführen von Bewegungen mit Aufforderungscharakter lässt sich bei diesem Elterntier auch nicht feststellen. Die Pfütze verliert nach einer Weile von ganz alleine an Anziehungskraft. Gleich nachdem sich das erste der vier frisch gestärkten Küken auf den Weg zur anderen Straßenseite macht, folgen die anderen im Gänsemarsch. Den Abschluss bildet ab der Fahrstreifenmitte nun das Gänseelternpaar. Die Küken warten auf der anderen Straßenseite.
Ich muss schmunzeln. Da hat die Gans doch ganz auf Geschnatter verzichtet. Das stünde uns Menschen manchmal auch ganz gut zu Gesicht. Ist das jetzt ganz oder vielmehr Gans großes Kino?