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Gelassen bleiben

Der Besuch eines zoologischen Gartens stand während meiner Kindheit ganz oben auf meiner Wunschliste. Unbeschwert und neugierig staunte ich über die vielen Tiere. Botanische Gärten fand ich ebenfalls spannend, aber ein Zoobesuch war einfach unschlagbar.

Irgendwann begann ich natürlich, darüber nachzudenken, wozu man Tiere in einen Zoo einsperrt. Ihre Lebensumstände unterscheiden sich deutlich von denen ihrer freilebenden Artgenossen. Wissensdrang, Artenschutz und reine Zurschaustellung exotischer Tiere zur Unterhaltung des Publikums bilden ein Spannungsdreieck, in dem ich mich seither immer wieder bereitwillig verheddere. Bei einem Besuch im Zoo lerne ich etwas über die Natur und die Tiere. Dabei werden mehrere meiner Sinne angesprochen. Zugleich lerne ich dabei viel über uns Menschen. Mein Verhältnis zum Zoo ist ein bisschen gespalten – und ab und zu gehe ich hin!

Während unseres letzten Urlaubs besuchten Gitti und ich den Oasis Park auf Fuerteventura. Das Gelände ist riesengroß und wunderschön angelegt. Mehr als die Hälfte der im Park lebenden Arten stehen auf der sogenannten roten Liste bedrohter Arten. In den letzten Jahren ist es gelungen, einen Teil der Tiere, die hier geboren wurden, in ihren natürlichen Lebensraum auszuwildern.

Heute tragen Gitti und ich endlich unsere Urlaubsfotos zusammen. Online gestalten wir einen Kalender, den wir dann bald in unserer Küche aufhängen können. Dabei tauchen wir beide wieder tief in unsere Erlebnisse ein. Auf einem der Bilder hat es sich ein Kamel auf dem Boden liegend gemütlich gemacht. Sein Kopf ist erhoben. Das Kamel guckt unbestimmt geradeaus. Auf seinem Kopf steht ein weißer Vogel mit gelbem Schnabel und eingezogenem Hals. Beide Tiere sehen wir im Profil. Minutenlang tut sich gar nichts. Das Kamel hat buchstäblich einen Vogel. Gitti und mich bringt der Anblick zum Schmunzeln. Deshalb entsteht auch das Foto.

Von beiden Tieren geht eine geradezu stoische Ruhe aus. Eine kleine Recherche ergibt: Der weiße Vogel muss ein Kuhreiher sein. Man nennt ihn auch Bubulcus Ibis. Diese Art ist auf der Insel weit verbreitet. In den Außenanlagen unseres Hotels stolzieren immer wieder solche Vögel herum. Im Gras der Grünflächen, welche die hübsch angelegten Terrassen säumen, suchen sie nach leckeren Insekten. Ansonsten schätzt der Kuhreiher die Nähe von Weidevieh. Die zugehörigen Landwirte freuen sich darüber, dass neben Insekten auch diverse Weideschädlinge auf der Speisekarte des hübschen Vogels stehen. Gitti und ich erfreuen uns an seinem Anblick und an seiner unaufgeregten, eleganten Art, in der er umherschreitet.

Ob das Kamel den Kuhreiher wohl mag? Es versucht jedenfalls nicht, ihn loszuwerden. Gitti würde sich mit einem Ibis auf dem Kopf eher unwohl fühlen. Sie hätte Schiss vor Vogelschiss. Schnell verscheuche ich die Bilder, die mir in den Kopf kommen. Wenn der Kuhreiher auf mir landen und verweilen würde, fühlte ich mich auch unwohl. Meine erste Sorge wäre allerdings die, dass er sich in meinen Haaren festkrallen oder mir mit dem gelben Schnabel auf dem Kopf herumpicken würde. Gitti sehe ich deutlich an, dass sie überlegt, ob mir der Bubulcus Ibis nicht doch ganz gut zu Gesicht stehen würde. Ich muss protestieren. Der Vogel ist deutlich über 40 Zentimeter hoch, zumindest, wenn er seinen Hals reckt, und das sähe auf meinem Kopf gewiss total blöd aus!

Das Kamel teilt all unsere Sorgen nicht. Gitti und ich bewundern die Ruhe, die beide Tiere ausstrahlen. Gelassen lässt das Kamel den Kuhreiher dort oben sitzen. Und dem Kuhreiher scheinen Hektik und Aufregung gerade auch völlig fremd zu sein. Vielleicht ändert sich das, sobald ein leckerer Insektensnack vorbeifliegt. Im Moment jedoch ist alles ganz gechillt.

Das Porträt mit Kamel und Kuhreiher integrieren wir online mit ein paar Klicks in den Kalender. Gitti und ich stöbern weiter in den schönen Bildern und unseren Urlaubserinnerungen herum. Bald darauf ist die Kalendergestaltung für alle zwölf Monate abgeschlossen. Zufrieden betrachten wir die Vorschau und nehmen letzte Korrekturen vor. Dann verirren wir uns ein wenig in den folgenden Masken, die wir zum Aufgeben der Bestellung noch mit Daten füllen müssen.

Bevor das schiefgeht, nehmen Gitti und ich uns lieber ein Beispiel am Kamel und bleiben gelassen.

Jetzt fehlt nur noch ein abschließender Klick. Ganz bewusst führt Gitti ihn aus, und dann sehen wir uns stolz in die Augen – das wird ein sehr schöner Kalender!

Für die nächste Aktion nehmen wir uns bereits jetzt vor: Immer schön gelassen bleiben!

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