Du betrachtest gerade Gemerkt oder vermieden

Gemerkt oder vermieden

Kurz vor dem kalendarischen Herbstanfang beglücken uns noch ein paar wunderschöne Sommertage. Solche Tage wollen besonders intensiv wahrgenommen werden. Gitti und ich weigern uns standhaft, diesen Genuss des freundlichen Wetters und der sommerlichen Temperaturen durch vorauseilend trübe Gedanken zu trüben.

Wenn es irgendwann oder gar demnächst schon so weit sein wird, dass Regen und Kälte tatsächlich über uns hereinbrechen, werden wir uns einmuckeln und andere Quellen der Freude anzapfen. Trübsal blasen steht jedenfalls nicht auf unserem Plan!

Das Thema „Anzapfen“ passt übrigens hervorragend zu unserem heutigen Programm, denn wir befinden uns auf dem Weg in einen schönen Biergarten. Bald nach unserer Ankunft reihe ich mich in die kleine Schlange ein, die sich vor der Getränketheke gebildet hat.

Wartezeiten nutze ich immer gerne, um mich ein wenig umzusehen. Heute fällt mein Blick auf einen tönernen Affen. Es sitzt mutterseelenalleine ganz oben auf einem Regal. Statt sich umzusehen, wie ich es gerade mache, verdeckt er seine Augen.

Sofort fackeln meine Gedanken ein großes Feuerwerk der Assoziationen ab.

Ob der Affe eigentlich schon gemerkt hat, dass seine beiden Kumpel gar nicht da sind? Ich meine damit die zwei Affen, von denen sich der eine immer die Ohren zuhält und der andere immer den Mund beziehungsweise sein Maul. Sind die beiden leise und ohne etwas zu sagen einfach abgehauen? Haben sie ihn, der sich ja die Augen zuhält, hier überraschend zurückgelassen? Laufen sie gerade in der Nähe durch den Park, und machen sie sich womöglich über ihn lustig? Was, wenn er plötzlich realisiert, dass er nun alleine da oben hockt und zum Gespött der Leute wird?

Vielleicht ist es ja ganz anders. Hat er gemerkt, dass seine Freunde weggehüpft sind, um ihn zu foppen? Und grämt er sich darüber nun so, dass er sich die Augen immer noch zuhält, um wenigstens seine Tränen vor den fremden Menschen verbergen zu können?

Vielleicht saßen sie aber auch nie in der Manier der drei berühmten Affen, die hierzulande jeder kennt, da oben auf dem Regal, sondern einfach so!

Oder sie spielen Verstecken! Ich spitze meine Ohren, kann aber durch das laute Gebrabbel der Leute, die mich in der Warteschlange umringen, nicht hören, ob der Affe bis Hundert zählt, oder gar: „Eckstein, Eckstein, alles muss versteckt sein!“ intoniert.

Ich erinnere mich an eine hölzerne Skulptur mit drei nebeneinandersitzenden Affen, die mir vor langer Zeit einmal begegnet ist. Einer der Affen hielt seine Hände von hinten an seine Ohrmuscheln, um noch besser hören zu können. Der mittlere bildete mit den Händen einen Trichter, so dass sein Rufen sicher auch aus weiter Entfernung gut zu verstehen gewesen wäre. Der dritte hatte seine Hand, einem Sonnenschutz gleich, mit der Handkante an die Stirn gehalten, als ob er so besonders gut in die Ferne schauen und alles ganz genau erkennen könnte.

Etwas verwirrt blicke ich zu dem einsamen tönernen Affen empor. Hat er jetzt etwas gemerkt oder vermeidet er etwas?

Überraschend bin ich jetzt an der Reihe. Ich löse mich etwas widerwillig von meinen merkwürdigen Gedanken und gebe meine Bestellung auf. Gitti wartet bereits an einem der Tische auf mich. Wir sitzen in Sichtweite des Affen. Quatsch, der guckt ja immer noch nicht hin! Es ist also eher so, dass er in unserer Sichtweite sitzt.

Wir prosten ihm zu, aber das kann er nicht sehen. Oder schielt er heimlich durch die Finger?

Später am Abend, Gitti und ich sind bereits wieder zu Hause, versuche ich, herauszufinden, was es eigentlich mit den drei berühmten Affen auf sich hat. Sie stehen für den Spruch: „Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen!“ Er wird sowohl mit einer japanischen Weisheit als auch mit Äußerungen des Konfuzius in Verbindung gebracht. Auf jeden Fall geht es um den Umgang mit Schlechtem oder gar Bösem.

Über die Bedeutung des Spruches gehen die Meinungen weit auseinander. Manche sind fest davon überzeugt, dass darin die Aufforderung liegt, über das Schlechte weise hinwegzusehen, um sich stattdessen am Guten auszurichten. Manch andere Leute sind sich sicher, dass es darum geht, das Schlechte einfach nicht wahrhaben zu wollen. Wiederum andere berichten, es ginge darum, nichts zu verpetzen.

Verwirrt folge ich bald der einen und bald der anderen Spur. So verwundert es mich überhaupt nicht, dass ich nach einer Weile auf eine Variante mit einem vierten Affen stoße, der mit seinen Händen den eigenen Unterleib bedeckt und angeblich dazu mahnen soll, nichts Böses zu tun.

So, das habe ich jetzt davon!

Wenn wir das nächste Mal in diesen Biergarten gehen, werde ich gucken, ob der kleine Affe immer noch alleine da oben auf dem Regal hockt.

Tief in mir drin entsteht gerade eine weitere Idee: Der Wirt hat den kleinen Affen vielleicht ganz bewusst da oben auf‘s Regal gesetzt, um seine Diskretion zum Ausdruck zu bringen, die er seinen Gästen gegenüber zu wahren gelobt. Was immer die lieben Gäste auch tun werden, der weise Wirt wird darüber diskret hinwegsehen. Und dann kann es durchaus sein, dass er sehr wohl etwas gemerkt, aber eben auch etwas vermieden hat.

Schreibe einen Kommentar