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Gestochen scharf

Die Technik hat uns fest im Griff. Das Leben wird zunehmend smarter.

Smart, das hat inzwischen ganz viele verschiedene Bedeutungen. Das gute, alte englische Wort smart stand einst für intelligent, gewitzt oder schlau.

Vor vielen Jahren hat jemand entdeckt, dass es sich auch als griffige Abkürzung eignet. Das zu Grunde liegende Prinzip ist einfach: Finde zu jedem der Buchstaben, aus denen das Wort besteht, einen Begriff, der sich für das eignet, was Du eigentlich gerade beschreiben möchtest.

Kleines Beispiel gefällig? Ziele müssen heutzutage immer smart sein. Wenn Du also ein gutes Ziel formulieren möchtest, dann sollte es spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert sein. Und wenn Du die Anfangsbuchstaben dieser Merkmale hintereinander aufschreibst, steht wie von selbst das Wort smart da.

Du kannst leicht prüfen, ob Dein Ziel diese Kriterien erfüllt und damit ein gutes oder zumindest ein gut formuliertes Ziel ist. Diese Methode soll dabei helfen, ein Ziel so zu wählen, dass es eben nicht wirklichkeitsfremd, unerreichbar, nervtötend, schwammig, clownesk und haltlos ist. Gemäß dieser Anfangsbuchstaben bliebe Dein Ziel nämlich nur ein Wunsch.

Aktuell muss alles Mögliche smart sein. Bezogen auf Gegenstände oder Software wird smart dabei vor allem im Sinne von vernetzt und irgendwie intelligent verstanden.

Gitti und ich genießen die Vorzüge so mancher Dinge, die smart daherkommen. Manchmal bringen uns diese Sachen aber auch an den Rand des Wahnsinns.

Als Gitti eine neue Karte zur bargeldlosen Abwicklung von Zahlungsaktivitäten beantragen möchte, spricht sie dazu persönlich in der Filiale ihrer Bank vor. Selbstverständlich verweist die Kundenbetreuerin Gitti an die von der Bank online zur Verfügung gestellten Dienste. Wieso das nicht ohne weiteres Theater direkt in der Filiale zu bewerkstelligen ist, erschließt sich Gitti nicht, aber sie kann jetzt und hier nichts erreichen. „Dann halt online!“, beschließt Gitti genervt und fährt wieder nach Hause.

Der Rechner ist schnell hochgefahren, Gitti findet die passende Seite in ihrem Kundenportal. Es steht ein kleiner Fahrplan zur Verfügung, der vorab erklärt, welche Schritte zu durchlaufen sind und darauf hinweist, dass man seinen Ausweis bereithalten muss, um zu gegebener Zeit die eigene Identität verifizieren zu können. Das klingt nach schnell und gewitzt, also nach smart.

Auf Gittis Bildschirm thront eine Webcam, ihr Ausweis liegt griffbereit neben der Tastatur. Vorhang auf, es geht jetzt los!

Bis zur Authentifizierung, also bis zu dem Schritt, mit dem Gitti ihre Identität prüfen lassen muss, läuft alles prima. Die Aufgabe besteht nun daraus, nacheinander beide Seiten des Personalausweises mit der Webcam zu fotografieren und anschließend noch ein kleines Selfie anzufertigen. Gitti hält also zunächst die Vorderseite ihres Ausweises in die Kamera. Sie muss den Ausweis so halten, dass er sich im Vorschaubild in einem vorgegebenen Rahmen befindet. Gitti zielt, versucht, den Ausweis in einer stabilen Position zu halten und gleichzeitig auf dem Bildschirm den Button zu finden und anzuklicken, mit dem das Foto geschossen werden kann. Das Bild ist etwas unscharf, aber Gitti befindet es für ausreichend gut. Sie macht mit der Rückseite weiter. Noch bevor man jetzt sich selbst ablichten kann, prüft das Programm die beiden Ausweisbilder.

Es ist nicht zufrieden. Mist!

Gitti soll den Vorgang wiederholen und dazu gegebenenfalls die Lichtverhältnisse verbessern.

Irgendwann ruft sie mich zu Hilfe. Wir schließen die Rollläden, um Lichtreflexe von außen zu verbannen, optimieren die Beleuchtung des Raumes und experimentieren mit diversen Kamera-Positionen. Wenn der Ausweis nicht still genug gehalten werden kann, dann gelingt es vielleicht besser, wenn wir den Ausweis auf ein weißes Blatt legen und von oben mit der Kamera auf ihn zielen.

Das Programm bleibt unzufrieden. Was für ein Theater!

Nach einigen nervenaufreibenden Runden tauschen wir die Kamera gegen eine andere aus, die wir ein paar Jahre lang dazu verwendet haben, um online Yoga zu machen. Offensichtlich haben wir längst vergessen, dass wir diese Kamera inzwischen nicht mehr nutzen, weil es in ihrem Kabel eine brüchige Stelle und damit einen Wackelkontakt gibt.  Entnervt mache ich mich auf den Weg, um meinen Laptop zu holen. Der hat eine integrierte Kamera mit besserer Auflösung. Nebenbei bemerkt nutzen wir die Laptop-Kamera seither auch beim Onlie-Yoga. Während ich noch unterwegs bin, durchsucht Gitti schon das Internet, um endlich mal die olle Kamera zu ersetzen, die da auf ihrem Bildschirm thront und mit der wir hier nicht weiterkommen.

Ich starte den Laptop, Gitti loggt sich bei ihrer Bank ein, und jetzt geht alles wieselflink. Sie hält ihren Ausweis hoch, klickt, dreht den Ausweis in der Luft um, klickt noch einmal – und das Programm ist endlich zufrieden! Jetzt fehlt noch das Selfie. Auf dem Monitor erscheint ein aufrechtstehendes Oval. Gitti manövriert wie von selbst ihr Antlitz in den ovalen Rahmen und lächelt. Mit dem nächsten Klick ist auch dieser Schritt abgeschlossen, und zwar wieder zur Zufriedenheit der smarten Software. Die vergleicht nun schnell noch das Ausweisbild mit Gittis Selfie und die Einträge auf dem Dokument mit den Angaben aus Gittis Antrag. Es ist immer noch zufrieden, kaum zu glauben!

Ein paar Tage später sind wir wieder zum Online-Yoga verabredet. Inzwischen wurde auch Gittis neue Webcam geliefert. Die hat eine noch viel bessere Auflösung als die Laptop-Kamera, also wollen wir sie jetzt auch hier verwenden. Ich verbinde den Laptop mit unserem großen Fernseher, schließe die neue Kamera an den Laptop an und starte das Programm für die Online-Sitzung. Wir legen Yogamatten auf den Boden und breiten Wolldecken darüber aus. Jetzt müssen wir nur noch das Bild ausrichten. Es ist gestochen scharf!

Als wir mit dem Yoga beginnen wollen, gibt es Tonprobleme. Gitti sitzt etwas weiter vom Laptop entfernt als ich. Das Mikrofon des Rechners überträgt Gittis Worte nur unglaublich leise. Ich zeige ihr, wo sich das Mikrofon befindet. Der Laptop liegt auf einem Beistelltisch. Gitti kniet nun vor dem Gerät und schreit es an. Die Kamera befindet sich direkt neben dem Rechner. Sie zeigt einen Ausschnitt von Gittis T-Shirt. Immerhin werden Gittis Worte nun einwandfrei übertragen.

Vielleicht geht es ja besser, wenn der Laptop weiter unten steht, so dass unsere Schallwellen leichter ins Mikrofon finden, auch wenn wir dann auf den Matten liegen. Ich baue um und stelle den Laptop herunter. Die Kamera war bei diesem Umbau zeitweise im Weg, wir müssen sie deshalb jetzt neu einstellen. Gitti beugt sich vor und verändert die Position der Kamera. Als sie den Blick wieder freigibt, guckt das Ding frecherweise direkt auf meinen Schritt. Spontan verdecke ich ihn mit meinen Händen, auch wenn da durch die Sporthose hindurch natürlich nichts Spektakuläres zu sehen ist. Nach einer Weile haben wir eine schöne Position gefunden. Wir legen uns auf die Matten.

Dann fällt mir ein, dass die neue Kamera ja ein integriertes Mikrofon hat. Den Umbau hätten wir uns vermutlich sparen können. Ich weiß genau, dass mich dieser Verdacht die nächsten zwei Stunden beschäftigen würde. Deshalb verändere ich im Programm noch schnell die Einstellungen, so dass es auch auf die Audiospur der Kamera zugreift. Tatsächlich ist das die Lösung. Wir sind gut zu hören, und das Bild ist immer noch gestochen scharf.

Eigentlich muss man uns während des Yoga gar nicht hören, fällt uns auf, aber das geht im gemeinsamen Gelächter unter. Dann kehrt Ruhe ein, und wir starten.

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