Bei einer Heulboje handelt es sich im maritimen Kontext um ein schwimmendes Seezeichen mit Schallmarkierung.
Im aktuellen Urlaubskontext übertrage ich den Begriff seufzend auf die beachtlich große Schar laut schreiender Kinder. Sie treiben ihr Unwesen im Pool, lassen ihrer überbordenden Quirligkeit drinnen wie draußen völlig freien Lauf und fluten das Hotelrestaurant mit ihren schnell wechselnden Launen. Und jedes dieser Kinder trägt eine nicht zu überhörende Schallmarkierung im hochfrequenten Bereich.
Die Heulbojen terrorisieren ihre Eltern mit wütendem Geheule bei jedem noch so kleinen Anlass. Wenn es dann nicht sofort nach ihrer Nase geht, steigern sie sowohl die Lautstärke als auch die Intensität und die Frequenz ihres wütenden Protestes. Heulbojen verfügen über eine erstaunliche Kondition. Gitti und ich stellen fest: Heulbojen-Väter sind ganz oft nicht in der Lage, etwas zur Beruhigung der Lage beizutragen. Insgeheim denke ich dann Sätze, wie diesen: „Unternimm endlich was, Du Lappen!“
Man kann mit einem brüllenden Kind auch einmal das Lokal verlassen und zurückkehren, wenn es sich wieder beruhigt hat. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es gibt einen Unterschied zwischen Kindern, die weinen und Kindern, die ihre Wut, ihren Frust oder ihren Egoismus herausbrüllen. Weinende Kinder muss man ernst nehmen und trösten. Brüllende Kinder muss man ebenfalls ernst nehmen. Zugleich sollte man dafür Sorge tragen, dass die anderen Anwesenden nicht allzu lange unter dem Gebrüll leiden müssen.
Unser Hotel ist familienfreundlich. Ein paar Animateure nehmen immer wieder ein Grüppchen Kinder unter ihre Fittiche und beschäftigen sie mit Spielen aller Art. Manchmal finden diese Spiele etwas abseits der von den meisten Gästen frequentierten Zonen statt. Zu diesen Zeiten atmen sowohl die Eltern der Kinder als auch die anderen Gäste einmal tief durch und entspannen sich.
Nach einem solchen Tag liegen Barbie und Ken in Mermaid-Ausführung auf dem Balkon des Nachbarzimmers – noch nass, buchstäblich am Boden und offensichtlich völlig erledigt. Barbies linker Arm ist senkrecht nach oben gen Himmel gerichtet, als ob sie zu erschöpft gewesen wäre, ihn vor dem Einschlafen noch herunterzunehmen. Ihre langen blonden Haare breiten sich in alle Richtungen um ihren Kopf herum aus. Ken liegt in der Nähe. Er sieht aus, als sei er einfach nur nach hinten umgefallen. Zwei Stunden später erwacht die Heulboje im auf der anderen Seite gelegenen Nachbarzimmer und brüllt eine Stunde lang wie am Spieß.
Am nächsten Tag gönnen Gitti und ich uns eine kleine Entspannungszeit am Pool. Wir finden zwei Liegen im Schatten, lassen uns nieder und beobachten das Treiben der anderen Urlauber. Die Lust, selbst einmal in den Pool zu springen, vergeht uns, als wir die ersten Kinder bemerken, die von ihren Eltern mitsamt ihren Windeln durchs Wasser gezogen werden. Ohne Windel wäre es vielleicht auch nicht besser, fällt mir ein. Wie gut der viel beworbene Auslaufschutz wohl sein mag? Ich denke an eine frühere Kollegin. Sie hat einmal angemerkt, dass Pools erst dann nach Chlor riechen, wenn sich im Wasser auch Urin befindet. Mit Mühe reiße ich mich von dem unappetitlichen Thema los und wende mich einem Sudoku zu.
Einige Zeit später trudelt ein Grüppchen erwachsener Urlauber ein. Sie tragen Taucheranzüge und schleppen ihr Equipment zu uns in den Schatten. Jetzt erhalten sie die Einführung zu ihrem Tauchkurs. Der Tauchlehrer hat eine hohe, sehr durchdringende Stimme. Er textet seine Kursteilnehmer laut zu. Der Rhythmus seiner Rede gleicht einem Stakkato. Eine Urlauberin in der Nähe verdreht die Augen und geht schwimmen. Ihr Mann wendet immer wieder seinen Kopf in Richtung der künftigen Taucher, kommt aber über genervtes Gucken auch nicht hinaus. Ich tausche mein Sudoku gegen ein Rätsel aus, welches mir weniger Konzentration abverlangt. Das kann ja nicht ewig dauern.
Die Schwimmerin kehrt zurück, legt sich wieder auf ihre Liege und schließt sich unserem genervten Gucken an. Gitti stöhnt leise in ihre Zeitschrift hinein.
Auf einmal endet der Vortrag des Tauchlehrers. Die Kursteilnehmer greifen nach ihren Sauerstoffflaschen, ihren Flossen sowie ihren Taucherbrillen und machen sich auf den Weg zur nächsten Unterrichtseinheit. Gitti blickt von ihrer Zeitschrift auf. Sie fragt: „Wo wollen die denn jetzt plötzlich hin?“
Ich sehe dem Grüppchen kurz nach, dann antworte ich: „Die gehen jetzt Baden. Und wenn sie alle gut zugehört haben, säuft gleich auch keiner von denen ab.“
Die Frau auf der Liege nebenan streckt daraufhin siegestoll ihren Arm nach oben, fällt dabei allerdings vor Lachen fast von der Liege. Dann erzählt sie uns, dass auch sie den Heulbojen entfloh und in dieser ruhigen Ecke am Rande des Pools ein wenig Ruhe suchte. Jetzt steht ihr Mann auf und dreht eine erfrischende Runde durchs Wasser.
Es kehrt Ruhe ein. Doch dann: Heulbojen-Alarm, zuerst von Achtern und dann von rechts, also Steuerbord. Gitti und ich beschließen, uns einen Erfrischungsdrink zu genehmigen. Wir packen unser Zeug zusammen, verlassen den Poolbereich und ziehen uns an die Hotelbar zurück.
Am nächsten Morgen schwärmen wir am Buffet aus, um unsere Frühstückskomponenten zusammenzustellen. Liebevoll decken wir unseren kleinen Tisch mit allem, was wir brauchen.
Gitti schnappt sich unsere beiden Tassen nebst Untertassen. Vor der Kaffeemaschine hat sich eine kleine Schlange gebildet. Vor ihr steht eine Frau, die ihr kleines Kind auf dem Arm trägt. Das Kind greift nach einer der beiden Tassen, die Gitti auf den Untertassen balanciert. Gitti zieht den Arm zurück und damit die Tasse aus der Reichweite des Kindes heraus. Die beiden halten Blickkontakt. Da beginnt das Kind, Gitti zuzuwinken. Mangels freier Hand kann diese nicht zurückwinken. Das Kind lächelt sie an. Hilflos und zugleich gerührt lächelt Gitti zurück.
Wir schärfen unsere Aufmerksamkeit. Dann endlich stellen Gitti und ich fest: Eigentlich sind gar nicht so viele dieser Kinder laut und unangenehm, aber die rücksichtsvollen fallen halt weniger bis gar nicht auf.
Den nächsten Heulbojen-Alarm überstehen wir im Anschluss deutlich entspannter.