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Heute nicht

Ein schöner Tag beginnt. Gitti kredenzt uns einen leckeren Cappuccino und draußen scheint, wenn auch noch etwas zögerlich, die Sonne. Was wollen wir heute machen?

Etwas ratlos sitzen wir da. Zunächst einmal gilt unsere ganze Konzentration dem herrlich duftenden Heißgetränk. Mit jedem Schluck lösen sich dann aber doch so einige Ideen aus der grauen Masse unserer Hirne. Sie finden ihren Weg in unseren verbalen Austausch. Wir würdigen jede einzelne Idee, wägen ab und versuchen vor allem herauszufinden, wie es um unsere Lust steht, der jeweiligen Idee jetzt auch eine Tat folgen zu lassen.

Am Ende sind unsere Tassen leer, und wir sind voll der Ideen. Was fehlt, ist der Entschluss, nun aktiv zu werden, um wenigstens eine der schönen Ideen umzusetzen.

Wir schieben ein paar profane Tätigkeiten ein, die nicht allzu lange dauern und unseren Ideen den Raum geben, den sie benötigen, um weiter zu reifen.

Es kommen Fragen auf: Wollen wir nicht lieber an einem anderen Tag ins Kino gehen? Wonach würdest Du heute bei einem Stadtbummel Ausschau halten wollen? Ist es nicht zu windig, um draußen ausführlich Zeitung zu lesen? Wie lange läuft die Ausstellung eigentlich noch? Möchtest Du lieber irgendwo spazieren gehen?

Inzwischen sind wir beide frisch geduscht und so gekleidet, als verließen wir gleich das Haus, um – ja, um jetzt was genau zu machen?

Gitti und ich setzen uns ins Wohnzimmer. Dort widmen wir uns ganz der eigenen Entspannung. Bevor unsere Haare nicht vollständig getrocknet sind, werden wir das Haus auf keinen Fall verlassen. Heute nicht!

Wir entdecken ein paar interessante Veranstaltungen, die wir gerne besuchen möchten. Sie liegen allesamt in der Zukunft. Wir blockieren die Termine schon einmal in unseren Kalendern. Insgeheim sind sowohl Gitti als auch ich froh darüber, dass diese Veranstaltungen nicht ausgerechnet heute stattfinden.

Mehr oder weniger untätig verbringen wir unseren Tag zu Hause. Das tut mal richtig gut. Es muss nicht immer umtriebig zugehen! „Man muss auch mal in Ruhe seine Miete abwohnen!“, wusste meine Mutter schon vor vielen Jahren aus ihrem reichen Erfahrungsschatz heraus zu berichten. Wie Recht sie doch hatte!!

Gitti und ich schalten ab und sammeln Kraft.

Alle Ideen, die uns heute begegnen, wandern auf eine imaginäre Liste – und dort unter die Rubrik mit der Überschrift „Heute nicht“.

Neulich brachte mir jemand eine kleine Rosenblüte. Sie ist wunderschön. Ich hole sie zu mir, setze das kleine Glas, in dem wir sie untergebracht haben und aus dem sie mit Wasser versorgt wird, vorsichtig auf meine Hand. Eingehend betrachte ich die feine Rose und erfreue mich an ihrem Anblick. Die dunkelrote Knospe hat sich bereits geöffnet. In zartem Schwung legt sich Rosenblatt um Rosenblatt. In der Mitte erlaubt das Pflänzchen mir einen tiefen Blick hinunter zu den Staubbeuteln, die bestimmt die Rosenpollen beherbergen. Die sattgrünen Blätter sind von feinen Adern durchzogen. Gleichmäßige Zacken bilden einen majestätischen Saum um jedes der grünen Blätter. Mehr und mehr verliere ich mich in der beruhigenden Wirkung des kleinen Arrangements auf meiner Hand.

Am späten Nachmittag stellt sich Appetit ein. Unsere Mägen sind hier im Haus die einzigen, die sich nun doch über unsere ausufernde Faulenzeritis beschweren. Sie tun dies synchron mit lautem Knurren kund.

Gitti und ich nehmen das Thema bereitwillig auf. Auch wenn es zum bisherigen Tagesverlauf nicht so recht zu passen scheint, gibt es in der Frage, was wir uns zubereiten wollen, jetzt kein „heute nicht“. Und so wandern wir gemeinsam gen Küche, bereiten uns ein leckeres Mahl, essen es auf und widmen uns anschließend einem überaus gemütlichen Fernsehabend.

Mit einem Augenzwinkern stellen wir die Frage in den Raum, ob wir noch ausgehen wollen. Einhellig beschließen wir sodann: Heute nicht!

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