Jetzt haben wir mal wieder die Wahl. Dem normalen Turnus von fünf Jahren folgend, sind wir heute dazu aufgerufen, die Zusammensetzung des Landtages neu zu bestimmen. Gitti und ich laufen also zum örtlichen Wahlraum. Dort geben wir unsere Stimmen ab. Auf dem Heimweg müssen wir uns aus Gründen der Wahrung unnützer Traditionen gegenseitig vorspielen, wir hätten mit der Stimmabgabe in der Wahlkabine unser Sprechvermögen eingebüßt. Theatral greifen wir uns an die Kehlen, räuspern uns und demonstrieren, dass wir keinen Ton mehr herausbekommen können.
Das Ergebnis der Wahl ist offen, keine der Parteien kann sich auf einem deutlichen Vorsprung ausruhen. Gitti und ich werden am Abend interessiert verfolgen, welche Sitzverteilung sich ergibt und welche der Kandidaten sich folglich in den nächsten Jahren federführend um die Geschicke des Ländles kümmern werden.
Die Landtagswahl fällt diesmal auf den internationalen Frauentag. In den Bundesländern Berlin und Mecklenburg-Vorpommern ist dieser Tag ein gesetzlicher Feiertag, andernorts ein ganz normaler Tag. In vielen Städten gibt es Kundgebungen und diverse Veranstaltungen. 1911 fand der erste internationale Frauentag statt. Zu dieser Zeit ging es in erster Linie darum, das Wahlrecht für Frauen zu erstreiten.
1918 wurde in Deutschland endlich das freie, geheime, aktive und passive Wahlrecht für Männer und Frauen eingeführt. Zwischen 1933 und 1945 war der Frauentag hierzulande natürlich verboten. Danach ging es mühsam voran. Mit den Suchbegriffen „Bundesregierung“ und „rechtliche Gleichstellung“ finde ich einen älteren Artikel, der auf der Internetseite der Bundesregierung abgelegt ist. Der Beitrag stammt aus dem August 2023. Dort lese ich: „In Deutschland ist die rechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern erreicht. An der tatsächlichen, alltäglichen Gleichstellung arbeiten wir noch.“
Auf diesem Gebiet gibt es auch heute noch viel zu tun.
Die größte Herausforderung, vor der wir Menschen alle zusammen und immer wieder stehen, ist der friedliche Umgang miteinander. Das gilt im Kleinen, wie auch im Großen. Das Problem: Jeder von uns tickt etwas anders als die anderen, und gegensätzliche Ziele lassen sich nur schwer miteinander verbinden.
Es gibt Leute, die konsequent auf Zusammenarbeit ausgerichtet sind. Bereitwillig stellen sie ihren Egoismus zugunsten eines vielversprechenden Zieles auch mal zurück. Im Gegensatz dazu gibt es Leute, die niemals auf solch eine Idee kämen. Sie versuchen, um jeden Preis die eigenen Vorstellungen durchzusetzen. Drumherum und dazwischen gibt es alle nur denkbaren Ausprägungen mehr oder weniger liebenswerter Leute. Mit etwas Glück gelingt es ihnen, sich nicht jeden Tag gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.
Die Rheinländer bringen es so auf den Punkt: Jeder Jeck ist anders.
Für alle, denen der Begriff „Jeck“ nicht so geläufig ist, sei angemerkt, dass es sich beim Jecken um einen Narren, einen Spaßvogel oder einen Enthusiasten handelt. Im Alltag bezeichnet man im Rheinland gerne jeden, den man für seltsam oder bekloppt hält, als einen Jecken. Je nach Kontext ist das negativ oder aber als großes Kompliment gemeint.
Ich habe es mir zu eigen gemacht, unerklärliche und seltsame Verhaltensweisen mit einem wahlweise leisen oder lauten „Hier ist jeder anders bekloppt!“ zu quittieren. Das hilft mir, etwas Abstand zu gewinnen. Danach fällt es mir auch wieder leichter, meine Toleranz zu pflegen und einen kreativen Umgang mit der Situation zu finden.
Gestern zum Beispiel saßen wir in fröhlicher Runde in einem gemütlichen italienischen Restaurant. An einem der Nebentische hatte ein Pärchen Platz genommen. Eigentlich unterhielten sich sämtliche Gäste angeregt, aber durchaus leise miteinander. Plötzlich jedoch schallte es aus der Richtung besagten Pärchens laut und provokant: „Dieser sardische Wein da auf der Karte, ist der was?“
Im Lokal wurde es totenstill. Gespannt warteten alle auf die Reaktion der Wirtin, die nun diese unverschämte Frage beantworten musste.
Ich murmelte leise: „Hier ist jeder anders bekloppt.“ In meinem Hirn feuerten zugleich die Synapsen einige Ideen ab, wie die Wirtin möglicherweise reagieren könnte. Nicht alle dieser Ideen wären brauchbar gewesen oder hätten gar deeskalierend wirken können. Ich wartete gespannt darauf, ob sie den Gast wohl des Hauses verweisen würde.
Ich selbst hätte mich arg zusammenreißen müssen, um nicht etwa so zu antworten: „Na ja, wir haben halt gedacht, dass die Plörre für Sie gut genug sein müsste!“
Die sardische Wirtin hingegen war offenbar Kummer gewohnt. Sie blieb gelassen. Vor allem wusste sie genau, dass es sich nicht lohnt, auf die doofe Frage näher einzugehen. Sie fragte schlicht: „Möchten Sie nun etwas davon?“
Was soll ich sagen, der Herr bestellte brav ein Glas des sardischen Weines. Später hörte ich noch, wie er sich seiner Partnerin gegenüber dahingehend äußerte, dass der Wein wirklich hervorragend sei. Diese Äußerung tätigte er allerdings sehr viel leiser als vorhin, als er seine provokante Eingangsfrage noch hemmungslos laut in die gastliche Stube rief.
Zum Schluss lässt sich also wieder einmal feststellen: Jeder Jeck ist anders.