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Jetzt ist die Luft raus

Am Rechner sitzend komme ich meiner Arbeit nach. Damit ist nicht so besonders viel an körperlicher Bewegung verbunden. Von außen betrachtet scheint meine Arbeit aus diesen Teilen zu bestehen: Die Maus hin- und herschieben, auf ihren Tasten herumklicken, mit dem Mittelfinger an ihrem Rad drehen, um zu scrollen, Tastenkombinationen wie Strg C und Strg V auf der Tastatur drücken, um Textstücke oder Zahlen von einer Maske in eine andere Maske zu kopieren, dazwischen Texte schreiben, manche davon zur Erläuterung irgendwelcher Sachverhalte oder Arbeitsschritte mit Screenshots verzieren, Mails oder Chats lesen und versenden, reglos dasitzen, während es in mir denkt und mit anderen Leuten reden.

Gitti staunt immer wieder darüber, womit man sein Geld verdienen kann …

In den letzten Tagen ist es empfindlich kalt geworden. Neulich hatten wir sogar schon einmal niedrigere Außentemperaturen, aber die aktuell vorherrschende Kälte geht mit einer hohen Luftfeuchtigkeit einher. Sie kriecht mir unerbittlich in die Knochen. Zu meinen Arbeitsschritten gesellt sich deshalb der wiederkehrende Vorgang des Händereibens.

Eine Woche später sitze ich ganz entspannt in einer Online-Besprechung. Zwischen zwei Themenblöcken vergleichen wir, wie das Wetter an den unterschiedlichen Standorten ist, an denen wir uns gerade befinden und die zum Teil deutlich mehr als hundert Kilometer auseinanderliegen. Einer der Teilnehmer schüttelt sich und fragt: „Ist es bei Euch auch so kalt? Ich habe schon ganz eingefrorene Finger. Das ist echt kein Spaß mehr!“

In der Kürze liegt die Würze. Also antworte ich mit einem breiten Lächeln: „Wir haben gestern die Heizung entlüftet.“

Auf den Gesichtern der anderen lese ich ganz unterschiedliche Reaktionen. Einer von ihnen kichert in sich hinein. Das ist daran zu erkennen, dass sein ganzer Oberkörper hochfrequent wackelt, während er seine Lippen aufeinanderpresst. Ein anderer reißt zuerst die Augen auf und verschwindet dann schnell aus dem Bild. Wieder ein anderer guckt so in die Kamera, als ob er sich freuen würde, wenn ihm endlich mal jemand erklärte, was meine Antwort mit der Frage zu tun haben könnte, ob es bei uns auch so kalt ist. Einer verschränkt die Arme, klemmt seine Hände unter die eigenen Achseln und wärmt sie dort auf. Der Rest sitzt mit Pokerface vor dem Rechner, möglicherweise leise frierend.

Hast Du es bemerkt? Ich habe eine ganze Woche gebraucht, um auf die Idee zu kommen, im Arbeitszimmer mal die Temperatur der Heizungslamellen zu überprüfen. Dir gegenüber kann ich es ja zugeben. Direkt neben dem Ventil, also da, wo das heiße Wasser in den Heizkörper einströmt, waren die Lamellen bullig warm. Am anderen Ende des Heizkörpers kam von dieser Wärme leider nichts mehr an. Dort hatte sich Luft gesammelt. Kein Wunder also, dass ich fror!

Just in diesem Moment, in dem ich gebückt vor der Heizung stand und die Temperaturen mit meinen kalten Händen erfühlte, kam Gitti zur Tür herein. Kopfschüttelnd machte sie auf dem Absatz kehrt und holte einen Becher sowie den kleinen Steckschlüssel, mit dessen Hilfe man am Ende der Heizung die Luft ablassen kann. Mit Mühe verkniff sie sich den Kommentar, dass ich auf diese Idee schon früher hätte kommen können, während sie in ihrer fürsorglichen Art die Luft aus dem Heizkörper herausließ.

Jetzt ist die Luft raus. Der Raum ist wieder schön warm. Genüsslich drehe ich am Mausrad.

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