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Kleine Helfer aus der Lade

Eine größere Veranstaltung zieht mich ins Büro. Dort treffe ich ganz viele Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Abteilungen. Wir veranstalten einen Tag mit Workshops und Vorträgen. Für mich bilden dabei in Wahrheit die kostbaren Pausen den wichtigsten Schwerpunkt. In diesen Pausen pflegen wir ganz zwanglos unsere Netzwerke.

Weil heute so viele Leute zusammenkommen, die einander zum Teil noch nicht kennen, tragen wir Namensschilder mit großformatigem Aufdruck. Neben dem Namen geben sie einen Hinweis auf die Abteilung, in der die Trägerin oder der Träger des Schildes arbeitet. Die Schilder sind aus festem Karton. Die Angaben fordern Platz, also sind die Schilder so groß wie Postkarten. Befestigt an Halsbändern im Corporate Design, baumeln sie nun schon seit ein paar Stunden vor unseren Bäuchen herum.

Das Tragen der Schilder senkt die Hemmschwelle, jemanden anzusprechen. Zu Beginn der Mittagspause reißt mein Schild sich los und segelt wie ein Papierflieger mit ein paar eleganten Pirouetten zu Boden.

Oh, blöd!

Ich hebe das Schild auf und versuche, es wieder am Halsband zu befestigen. Die Konstruktion ist folgendermaßen aufgebaut: Am Halsband gibt es eine Schlaufe, an der Schlaufe hängt ein Karabinerhaken, und der Karabinerhaken greift durch ein Loch, das am oberen Rand des Namensschildes durch die Pappe gestanzt wurde.

Das Loch ist ausgerissen. Ich wage einen ersten Versuch, scheitere aber grandios dabei, mit dem geöffneten Haken einfach ein weiteres Loch in das Schild zu stechen. Die Pappe ist zu fest. Mein Haustürschlüssel eignet sich auch nicht. Ich könnte damit zwar in einigem Abstand zum Rand des Schildes ein Loch hineinpfriemeln, aber der Karabinerhaken ließe sich dann nicht mehr einhaken, das gibt seine Geometrie einfach nicht her. Hätte ich jetzt doch einen Locher!

Die Idee mit dem Locher bringt mich in Bewegung. Ich suche unser Sekretariat auf, finde aber zu dieser Zeit dort weder eine der freundlichen Kolleginnen noch einen Locher. Noch nicht einmal Tesafilm lässt sich auf den verwaisten Schreibtischen finden! Selbstklebende Lochverstärkungsringe wären eine der elegantesten Möglichkeiten. Wenn sich Papiere in einem Ordner aus dessen Ringmechanik verabschieden, kann man mit diesen Kleberingen einfach die Löcher verstärken und die Blätter dann unverschandelt am selben Platz wieder einfädeln. Auf diese Weise lassen sie sich problemlos erneut im Ordner ablegen. Ich finde keine Lochverstärkungsringe, sehe aber auch davon ab, fremder Leute Schubladen zu durchwühlen.

Auf dem Rückweg komme ich am Service-Punkt unserer IT vorbei. Ein einsamer Mitarbeiter steht hinter dem Service-Desk. Er haucht gerade einem vor ihm stehenden Laptop neues Leben ein. Sein blasses, von der Sonne vermutlich schon länger nicht beschienenes Gesicht säumt eine rötlich schimmernde Lockenpracht. Einen Locher gibt es hier nicht. Tesafilm auch nicht. Mit dem Begriff „Lochverstärkungsringe“ kann der junge Mann nichts anfangen, dazu ist er scheinbar viel zu jung. Enttäuscht lassen wir gemeinsam für ein paar Sekunden die Schultern hängen.

Zu Hause hätte ich alles, was man braucht. Schließlich entstamme ich der Generation, die privat noch diverses Büromaterial besitzt. Dazu gehören neben einem Locher natürlich ein Heftgerät, mit dessen Hilfe sich mehrere Bögen Papier zusammenheften lassen, eine Heftkralle, mit der man die Heftklammern wieder aus dem Papier herausbekommt, ein Döschen voller Büroklammern, eine Papierschere und diverse andere Gerätschaften, die hilfreiche Dienste leisten.

Zu Hause bräuchte ich allerdings auch kein Schild am Bande!

Ich frage den jungen Service-Desk-Betreuer, ob er wenigstens über irgendeinen spitzen Gegenstand verfügt, den man vielleicht zweckentfremden könnte. Er denkt eine Weile nach. Dann hellt sich sein Gesicht auf.

Der junge Mann taucht schwungvoll hinter seiner Theke in eine große Schublade ab. Das letzte, was ich von ihm sehe, sind ein paar hüpfende Locken, die seinem Haupt erst mit etwas Zeitverzögerung in die Tiefe folgen. Es raschelt. Mit leicht gerötetem Kopf taucht er bald darauf wieder auf und präsentiert zwischen Daumen und Zeigefinger einen kleinen, flachen, silberfarben schillernden Gegenstand. Ich muss schon genau hinsehen, um das Ding erkennen zu können.

Ja, damit wird es gehen!

Feierlich überlässt der Kollege mir sein kleines Werkzeug. Seine Locken wippen infolge seines schwungvollen Auftauchens aus der Tiefe immer noch lustig um sein Gesicht. Die Spannkraft seiner Haare ist wirklich beneidenswert! Das Werkzeug ist eine Öffnungsnadel, mit deren Hilfe man normalerweise das kleine Fach entriegeln und öffnen kann, in dem beim Smartphone die SIM-Karte wohnt.

Mit dieser Nadel porkle ich nun ein hübsches Loch in mein Namensschild, hänge den Karabinerhaken ein, präsentiere mein Werk, bedanke mich herzlich beim Servicetechniker und empfehle mich sodann wieder.

Diese Locken sind echt der Hammer! Ob er sich wohl genauso daran erfreuen kann, wie ich?

Eine Stunde später hypnotisiert ein lieber Kollege, der ebenfalls am Workshop teilnimmt, mein Namensschild. Vor seinem Bauch baumelt nichts mehr am Halsband. Er holt sein Namensschild aus der rückwärtigen Hosentasche. Dann fragt er: „Wie hast Du das wieder an den Haken bekommen?“

Oh, da kann ich nun wirklich gut helfen! Ich empfehle ihm also mit einem mahnenden Blick auf die Uhr, baldmöglichst am Service-Point vorbeizuschauen. Denn dort, so weiß ich ja jetzt, steht ein junger Mann hinter dem Service Desk, der ihm inzwischen ganz bestimmt weiterhelfen kann.

Breit grinsend kehrt der Kollege kurz darauf mit seinem vor dem Bauch baumelnden Namensschild zurück. „Mission accomplished!“, ruft er mir zu und schwingt die Hüften, damit auch das Schild in eine pendelnde Bewegung gerät.

Als ich nach Feierabend wieder zu Hause eintreffe, statte ich meinem Arbeitszimmer einen kleinen Besuch ab. Für einen nostalgischen Moment öffne ich die Schubladen der unter dem Schreibtisch stehenden Container, die einen großen Teil meines privaten Büromaterials beherbergen.

Beruflich arbeite ich inzwischen nahezu papierfrei. Ich besitze ein Kalenderbuch, vertraue ansonsten jedoch auf elektronische Notizen aller Art. Privat umgebe ich mich immer noch gerne mit Dingen, die man anfassen kann. Dazu gehören neben Büchern auch prall gefüllte Aktenordner und handgeschriebene Zettel.

Die Gegenstände, die da in den Schubladen wohnen, empfangen einen dankbaren Blick. Sie haben schon oft ausgezeichnete Dienste geleistet. Häufig stellten sie dabei sogar unter Beweis, dass ein zweckentfremdeter Einsatz möglich und mitunter sogar die letzte Rettung ist. Behutsam und bewusst leise schiebe ich sodann die Schubladen wieder zu. Die kleinen Helfer aus der Lade warten dort geduldig und allzeit bereit auf ihren nächsten Einsatz.

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