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Kunst und Essen

Mit Essen spielt man nicht! Diesen Satz hörst Du in der Regel zu einer Zeit in Deinem Leben, zu der Deine Erziehungsberechtigten noch darauf hoffen, ihre Vorstellungen auch zu Deinen machen zu können.

Langfristig landeten meine Erziehungsberechtigten bei mir mit diesem Satz durchaus einen Erfolg. Schließlich ging es nicht darum, mir die Freude am Essen zu verderben. Meine Eltern wollten auch nicht verhindern, dass ich mit der Gabel kleine Straßen durch einen Berg Labskaus baggerte – das machten sie selbst gerne. Aber ich sollte den Lebensmitten, und nebenbei bemerkt auch der Kochkunst Respekt zollen.

Für mich hat Kochen stets etwas mit Kunst zu tun. Die Zubereitung, das Würzen und die Präsentation des Ergebnisses erfordern dabei neben handwerklichen Fähigkeiten eben auch einen Sinn für Geschmack und Ästhetik. Natürlich steht der Geschmack im Vordergrund. Irgendwann haben wir herausgefunden, dass man selbst die einfachsten Gerichte auch mit einfachen Mitteln schon wunderschön anrichten kann. Wenn es mir dann auch noch gelingt, dass mein Essen auf dem Teller bis zum letzten Bissen noch einigermaßen gut aussieht, bin ich im siebten Himmel.

Gitti weiß das genau. Sie hat ein spannendes Event ausfindig gemacht und mich damit ganz wunderbar überrascht. Wir gehen heute zu „7 Paintings“, also zu einer Dinnershow, die Kunst, Kulinarik und Technik miteinander verbindet. Ich bin echt gespannt, was uns erwartet. Nur so viel vorab: Uns werden im Laufe des Abends sieben Gänge serviert, und jeder gehört zu einem berühmten Gemälde.

An langen Tischen platziert man uns zusammen mit Leuten, die ebenso erwartungsfroh sind, wie wir. An der Stirnseite unseres Tisches steht eine Staffelei, auf der ein Bild der Mona Lisa thront. Unter der Decke hängen Beamer, die Wände zieren Leinwände. Als alle Gäste Platz genommen und ihre Getränkebestellung aufgegeben haben, wird das Licht heruntergedimmt. Stimmungsvolle Musik ertönt. Die Show beginnt.

Mona Lisa, KI-animiert, begrüßt uns. Sie wird uns durch den Abend führen. Auf den Tisch werden Bilder projiziert. Auch auf den Leinwänden rings um uns herum stimmen Bilder uns auf den jeweiligen Gang ein. Plötzlich kommt ein kleiner, ebenfalls animierter Leonardo da Vinci von unten aus der Tischdecke heraus, läuft auf dem Tisch herum und erzählt uns etwas über die Zeit, aus der das erste Bild des heutigen Menüs stammt. Mona Lisa und er begleiten uns den weiteren Abend über abwechselnd.

Der erste Gang ist inspiriert von Michelangelo. Wir müssen ein kleines Rätsel lösen, um ihn zu finden. Wer nicht zurechtkommt, dem wird von einem der Ober geholfen. So genießen bald alle eine köstliche Tomaten-Praline, garniert mit Basilikumgel und Brunnenkresse. Sie liegt auf einer Porzellanhand. Es mutet an, als würde uns die Praline von einer zarten Hand gereicht, die gerade einem der berühmten Gemälde Michelangelos entsprungen ist.

Vor dem zweiten Gang stimmen Mona Lisa und Leonardo da Vinci uns auf die Kunst von Banksy ein. Dann dürfen wir ein Carpaccio genießen, auf das eines der bekanntesten Bilder von Banksy mit Olivenerde appliziert wurde. Ich versuche, um das kleine Mädchen mit dem Ballon so lange herumzuessen, wie es mir nur möglich ist, um diesen berührenden Anblick nicht gleich zu zerstören. Das Carpaccio schmeckt köstlich.

Die folgenden Gänge nehmen uns auf eine kulinarische Reise mit, bei der wir Pablo Picasso, Jackson Pollock, Andy Warhol, Salvador Dalí und Vincent van Gogh beziehungsweise deren Kunst begegnen. Zwischendurch dürfen wir selbst aktiv werden und uns künstlerisch mit den Zutaten unseres Essens austoben. Es macht Spaß und ist spannend.

An einigen Stellen finden Gitti und ich die Show etwas kitschig, aber wir lassen uns darauf ein, amüsieren uns prächtig und genießen das leckere Essen. Als wir uns danach auf den Heimweg machen, sind wir uns einig: Das war ein tolles Erlebnis!

Einige Tage später schlägt Gitti vor, ein asiatisches Curry zuzubereiten. Als Beilage böte sich Reis an. Klingt gut, klingt lecker!

Zunächst einmal ziehe ich mich ins Arbeitszimmer zurück und schreibe diese Schmunzelstory. Währenddessen entsteht in mir eine Idee. Ich möchte den Reis vor dem Servieren gerne besonders garnieren. Das Schreiben muss ich unterbrechen, um der Idee Raum zu geben, auf dass sie reifen möge.

Bald sitze ich da und entwerfe eine Schablone. Darauf bilde ich eine stilisierte Person ab, die von links aus ins Bild läuft. Vor der Person, etwas rechts oberhalb ihres nach vorne geschwungenen Armes schwebt ein großes Herz. Süß, finde ich. Etwas kitschig, aber süß.

Ich drucke den Entwurf aus. Mit einer Schere mache ich mich zuerst daran, das Herz auszuschneiden. Weil es so schön symmetrisch ist, knicke ich das Papier an der Symmetrielinie des Herzens vorsichtig um. so lässt es sich leicht ausschneiden. Mit der stilisierten Person geht das leider nicht. Ich suche unser Teppichmesser und einen Karton zum Unterlegen. Jetzt kann ich meine Schablone zuschneiden. Was Gitti wohl davon hält, wenn ich unseren Reis mit … ja, womit eigentlich verziere?

Ich muss jetzt in die Küche. Vielleicht finde ich Kräuter, die ich kleinhacken kann. Oder soll ich schwarze Oliven in kleine Stückchen schneiden? Passt Krokant geschmacklich zu Gittis Curry? Oder vielleicht Sesam, oder Mandelsplitter? Sorry, ich muss jetzt wirklich los.

P.S.: Für das Herz schnitt ich eine rote Paprika in winzig kleine Würfel. Sie hatten eine Kantenlänge von etwa zwei Millimetern. Basilikum und Maggiekraut erntete Gitti schnell, und das habe ich dann für die stilisierte Person kleingehackt. Als der Reis fertig war, gab Gitti ihn in eine Schüssel und strich die Oberfläche etwas glatt. Dann legten wir die Schablone auf die Schüssel und häuften die Paprikastückchen und die Kräuter über die ausgeschnittenen Löcher der Schablone. Mit einem Löffel drückten wir unsere Dekoration ein wenig an, und dann nahmen wir vorsichtig die Schablone von der Schüssel herunter. Was dann noch auf der Schablone lag, wanderte direkt ins Curry. Mit dem Löffel korrigierte ich die Konturen noch etwas. Die stilisierte Person glich am Ende einem grünen Ampelmännchen, dennoch fanden Gitti und ich unsere Dekoration hübsch und appetitlich. Und Gittis Curry war mal wieder zum Niederknien lecker!

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