Du betrachtest gerade Kurz oder lang

Kurz oder lang

„Hast Du kurz mal Zeit?“, schallt es mir entgegen. Sofort fluten Fragen und weiterführende Gedanken mein Hirn: Wie lang ist denn kurz? So wie der fragt, ist mit „kurz“ bestimmt „kurzfristig“ gemeint, und zwar mit einer streng gegen Null strebenden Frist – also sofort, jetzt, unverzüglich. Und mit „Zeit“ meint er gewiss einen längeren Zeitraum. Das kenne ich schon! Ich lasse gedanklich also alle Pläne fallen, die ich gerade gefasst hatte.

Was wäre anders gewesen, wenn der Anrufer das „kurz“ an eine andere Stelle des Fragesatzes verschoben hätte? Wenn er seine Frage also wie folgt formuliert hätte: „Hast Du mal kurz Zeit?“

Vielleicht hätte ich eher daran geglaubt, dass er nur eine kurze Frage stellen möchte, die sich leicht, kurz und vor allem schnell beantworten lässt.

Klar ist: Seine Frage ist nett und höflich gemeint, birgt sie doch die zumindest theoretische Möglichkeit einer Absage. Was auch immer ich gerade mache, wer so fragt, möchte sich mit dieser Formulierung schon vorauseilend für die Störung entschuldigen. Das motiviert mich, ihm gewogen zu bleiben.

Machen wir es kurz: Mein Tag entwickelt sich nach dem Gespräch ganz anders, als ursprünglich geplant. Aus der nicht ganz so kurzen Unterhaltung folgt eine Reihe von Tätigkeiten, die mich dann noch länger beschäftigen. Das ist nicht schlimm, schließlich bin ich flexibel und organisiere mich schnell um.

Zur Einleitung eines Gespräches stelle auch ich gerne mal eine Frage dieser Kategorie. Jedes Gespräch braucht einen Auftakt, wenigstens einen kurzen!

Später am Tag, als ich jemanden schonend auf einen Haufen Arbeit vorbereiten möchte, versuche ich es mit dieser Variante: „Hallo, gut, dass ich dran bin! Ich hätte da gerne mal ein Problem.“

Natürlich schwäche ich die Aussage sofort ab und behaupte, es sei in Wahrheit nicht ganz so schlimm, wie es sich vielleicht anhört. Meine Gesprächspartnerin freut sich über die launige Einleitung und macht sich in der nächsten Millisekunde darauf gefasst, dass ich ihren Tag durcheinanderbringen könnte. Und so antwortet sie mit beschwingter Stimme: „Na, dann erzähl mal! Was ist los?“

Kurz darauf, also nur wenige Minuten später, ist sie froh darüber, dass ich ihr nicht diesen, sondern nur ein paar der nächsten Tage durcheinanderbringen werde. Darauf stellten wir uns dann fröhlich gemeinsam ein.

Klingt das verrückt? Mag sein, aber ein bisschen bunt und verrückt darf es gerne zugehen. Das wirkt wie das Salz in der Suppe – und deswegen sollte man es damit auch auf keinen Fall übertreiben.

Nach Feierabend sitze ich beim Friseur und schnappe einen kleinen Wortwechsel auf:

„Haben Sie die Haare schon lange kurz?“

„Ja, aber zwischendurch auch mal kurz lang.“

„Wie lang?“

Das Ende des letzten Wortes wird leider durch Krach, der durch einen soeben eingeschalteten Fön verursacht wird und zu mir herüberschallt, übertönt. Jetzt sitze ich da und rätsele, ob das letzte Wort „lang“ oder „lange“ hieß.

Wird hier also nach der Länge der Haare oder nach der Länge des kurzen Zeitraumes gefragt, in dem die Haare lang waren?

Meine Friseurin stellt mir eine Frage. Deren Gegenstand ist die Haarlänge, die ich mir für einen bestimmten Teil meiner Frisur wünsche. Das lenkt mich von dem Inhalt des Wortwechsels ab, den ich bis eben noch belauschte. Dankbar suche ich nach einer, zu einer schönen Passform der Frisur passenden Antwort. Die Friseurin wartet kurz, dann gibt sie mir zwei Vorschläge zur Auswahl. Bei einem der Vorschläge nickt sie fast unmerklich. Bei ihr bin ich in guten Händen. Vertrauensvoll wähle ich also genau diesen Vorschlag.

Die Begriffe „kurz“ und „lang“ ziehen sich beharrlich weiter durch meinen Tag. Am Abend sitzen wir in fröhlicher Runde im Biergarten beisammen. Als der Inhalt unserer Gläser zur Neige geht, beraten wir kurz darüber, wer von uns sich um den Getränkenachschub kümmern wird. Vor meinem inneren Auge tauchen Streichhölzer auf. Mehrere lange und ein kurzes.

Zum Glück habe ich keine dabei. Zwei aus unserer Gruppe stehen freiwillig auf. Sie kümmern sich gemeinsam um unsere Versorgung mit weiteren Getränken. Ich freue mich darüber, dass sie nicht noch eine Runde „Kurze“ mitbringen. Mir steht heute nämlich nicht der Sinn nach Schnaps. Danke!

Wahrscheinlich hätten wir mit Hilfe der Streichhölzer sowieso nicht ausgelost, wer den „Kürzeren“ zieht und zur Tränke, Verzeihung, zur Theke gehen muss. Aber jetzt ist endlich Schluss mit „kurz oder lang“! Prost!

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