Die letzten Wochen des Jahres bringen zuverlässig wie eh‘ und je Hektik ins Haus.
Mich beruhigt es durchaus, dass nicht nur unser Zuhause davon betroffen ist. In den Büros und in den Privatgemächern anderer Leute geht es genauso zu. Spätestens Mitte November drehen alle das Tempo hoch – oder zumindest ihren Anspruch an das Tempo, in dem es weitergehen soll.
Gitti und ich versuchen zwar regelmäßig, solch eine Hektik gar nicht erst aufkommen zu lassen, aber wir müssen in dieser Hinsicht noch viel an uns arbeiten. Unsere Bemühungen, die Ruhe zu bewahren, sind durchaus von Erfolg gekrönt, wenngleich da noch immer ordentlich Luft nach oben ist.
Stück für Stück pflügen wir uns tapfer durch unser Programm. Beruflich wie privat, es geht sowieso nur Stück für Stück voran! Das war früher schon so, und es gibt keinen Grund dafür, dass es zukünftig anders läuft als eben Stück für Stück. Selbstverständlich kann man sich mal beeilen, um feste Termine halten zu können oder einen außergewöhnlich großen Haufen Arbeit zügig zu erledigen. Aber Vorsicht, denn: Hektik ist die größte Bremse, die ich kenne!
Hektik frisst unglaublich viel Zeit. In Hektik muss man zusätzlich zur eigentlichen Tätigkeit hektische Bewegungen ausführen, Konzentrationsstörungen aller Art Paroli bieten und höllisch aufpassen, dass sich die eigene Laune nicht nachhaltig verschlechtert. Hektik erhöht zudem die Fehlerrate. Das anschließende Ausmerzen der Fehler verschlingt noch mehr Zeit, als man sich geizend für die eigentliche Erledigung der Aufgabe zugestanden hat. Wie von alleine steigt die Hektik parallel zum Druck, der sowieso schon schwer auf der ganzen Situation lastet, weiter an. So wird das nichts!
Wenn das große Weinglas, das Du in diesem Moment noch schnell und hektisch abtrocknest, dann endlich herunterfällt, birst das Glas vor Deinen Augen wie in Zeitlupe. Einer soeben am Himmel explodierten Silvesterrakete gleichend, verteilen sich die Scherben sternförmig in alle Richtungen. Nur eben nicht oben am Himmel, sondern unten, und das auch noch in Deinem eigenen Zuhause. Vom Boden aus springen die Scherben zuerst der Schwerkraft trotzend zu Dir nach oben, dann in hohen Bögen auseinanderfallend und in einem beachtlichen Radius um die Stelle, an der das Glas auf den Boden aufschlug, wieder hinunterregnend.
Es tut gut, wenn dann einfach jemand kommt und die Scherben kommentarlos aufsammelt.
Wie von selbst kehrt zugleich Ruhe ein, wenigstens für einen kleinen, sehr kostbaren Moment. Mit dieser Ruhe kannst Du jetzt das zweite Weinglas abtrocknen. Unfallfrei. Blitzblank poliert stellst Du es in den Schrank. Die Lücke, die das kaputte Glas hinterlässt, schließt Du mit einem Lächeln. Und Du nimmst Dir zwei Sekunden Deiner knappen Zeit, um die restlichen Gläser ein wenig auseinanderzurücken. So ist die Lücke auch optisch geschlossen. Falls da keine weiteren Gläser mehr sein sollten, rückst Du halt das einzig verbliebene Glas an prominenter Stelle in ein gutes Licht. Bewundere Dein Werk. Sammle Kraft.
Manche Leute ziehen es ja vor, andere Menschen in Hektik zu bringen. Sie übertragen ihre eigene Ungeduld auf jeden, der sich versehentlich in ihren Dunstkreis begibt. Als ich neulich jemandem dabei erwischte, wartete ich spontan mit einer kleinen Weisheit auf. Ich richtete mich dazu kerzengerade auf, erhob meine Stimme, verlieh ihr bewusst einen leicht spöttischen Unterton und sprach laut aus, was ich dachte:
„Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“
Dann lehnte ich mich zurück, verschränkte die Arme und verharrte ganze zehn Sekunden lang in dieser Pose. Ich genoss das Kichern, das sich daraufhin im Dunstkreis dessen ausbreitete, der die Hektik eigentlich verbreiten wollte. Gras wächst zu dieser Jahreszeit nicht bis kaum. Ausgerechnet jetzt an Grashalmen ziehen zu wollen, erschien mir angesichts dieser Tatsache auf eine besonders schöne Weise als völlig absurd.
Ich widmete mich sodann wieder meinen eigenen Aufgaben. Leise seufzend murmelte ich noch den Nachsatz: „Lass doch das Gras in Ruhe!“