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Lustiges Kauderwelsch

Es fängt mal wieder ganz harmlos an. Wortlos hält Gitti mir das Display ihres Smartphones entgegen. Ihre Hand hüpft auf und nieder. So kann ich bei bestem Willen nichts erkennen! Ich lasse meine Augen entlang der zunehmend heftiger schwingenden Bewegung wandern. Gittis hüpfende Hand folgt ihrem zuckenden Arm, auf Gittis Oberkörper zeichnet sich die hochfrequente Bewegung ihres Zwerchfells ab, Tränen schießen aus Gittis Augen. Was auf dem Display zu sehen ist, muss echt lustig sein. Ich schwenke meinen Blick zurück, das Display ist inzwischen schwarz wie die Nacht. Und es wackelt immer noch.

Gitti japst lachend, entriegelt die Bildschirmsperre und händigt mir das Gerät aus. Jetzt muss ich schnell sein, meinen Finger auf dem Display platzieren und ihn dann nahezu unmerklich in Bewegung halten, sonst wird das Ding gleich wieder schwarz – und ich werde nie erfahren, was da zu sehen ist.

Zwischen vier Atemzügen presst Gitti drei Worte heraus. Zusammengesetzt ergibt sich der Satz: Das ist großartig!

Auf diese Weise gut motiviert, finde ich den Anlass für Gittis Lachattacke. Es handelt sich um einen Eintrag auf einem elektronischen Schwarzen Brett. Es gibt ein kleines Bild, dabei handelt es sich um die Detailaufnahme eines Typenschilds. Direkt darunter steht folgender Text: „Ich verkaufe, dass der Fernseher wie neu ist, er hat wenig Nutzen. Ich habe vor ca. 1 Monat eine neue Fernbedienung für meinen Fernseher gekauft. Sie können kommen und den Fernseher holen.“

Wieder beginnt die Hand, die das Gerät mit dem Display hält, auf und nieder zu hüpfen. Diesmal ist es meine Hand. Gitti hatte sich gerade eben beruhigt, jetzt stimmt sie bereitwillig in meinen Lachanfall mit ein. Wieder laufen Lachtränen, diesmal aus unser beider Augen.

Genüsslich sezieren Gitti und ich den Text. Wir fragen uns, wieso man für ein nahezu nutzloses Gerät eine neue Fernbedienung ersteht. Starb danach die Hoffnung, dass dessen Nutzen verbessert werden kann? Wieso muss man uns verkaufen, dass der Fernseher wie neu ist? Soll das Gerät nun verkauft oder nur abgeholt werden? Mit oder ohne die Fernbedienung?

Immerhin kann ich auf dem Typenschild den Hersteller und die Typbezeichnung entziffern. Im Internet lässt sich damit ein aussagekräftiges Datenblatt finden. Ich frage Gitti vorsichtig, ob sie nach einem neuen Fernseher sucht. Zu meiner Beruhigung lässt sie mich wissen, dass sie nur zufällig auf diesen Eintrag auf dem elektronischen Schwarzen Brett gestoßen ist. Puh!

Der Text kommt uns spontan wie Kauderwelsch vor, weil er zumindest in Teilen nicht ganz eindeutig ist und wohl, aber doch irgendwie fremd formuliert daherkommt. Ob der Veräußerer des Gerätes vielleicht eine andere Muttersprache hat als wir? Ob er seinen Text online übersetzen ließ? Falls ja: Respekt!

Mein Forscherdrang ist geweckt, vielleicht ist es aber auch nur mein Spieltrieb. Jedenfalls schnappe ich mir den Text und füttere damit einen Online-Übersetzer.

Ich starte mit Deutsch-Englisch. Das Ergebnis lasse ich sofort wieder rückwärts übersetzen. Der erste Satz lautet danach: „Ich verkaufe den Fernseher, er ist wie neu, er hat wenig Gebrauch.“ Nun drücke ich noch ein paar Mal auf die Pfeile zwischen dem Ein- und dem Ausgabefenster, lasse also das jeweilige Ergebnis immer wieder neu übersetzen. Nun heißt es: „Ich verkaufe den Fernseher, er ist wie neu, er wurde kaum benutzt.“ Den Schlusssatz hat das Programm auch noch verschönert, er lautet jetzt: „Sie können gerne vorbeikommen und den Fernseher abholen.“

Beeindruckt gebe ich den Originaltext nochmal ein und versuche es mit Italienisch. Nach nur einem Übersetzungszyklus startet der Text so: „Ich verkaufe einen neuwertigen, selten genutzten Fernseher.“ Dann beginnt der Online-Übersetzer, wie ein Marktschreier zu verschlagworten, was ich ihm biete. Nach nur drei Zyklen heißt es: „Neuer Fernseher zu verkaufen, sehr wenig genutzt.“

Ich versuche es zum Abschluss noch mit Japanisch. Das Display zeigt mir fremde Schriftzeichen, darunter aber auch mir vertraute Zeichen. Auf diese Weise könnte ich jetzt versuchen, das Ergebnis auf Japanisch vorzulesen. Ich lasse die Übersetzung ins Deutsche laufen und freue mich über diese Formulierung: „Ich verkaufe einen Fernseher, der wenig genutzt wurde und sich in einem neuwertigen Zustand befindet.“ Nach nur wenigen Übersetzungsrunden bekundet der Text: “Ich verkaufe einen neuen Fernseher mit einigen Gebrauchsspuren.“

Noch einmal folge ich meinem Spieltrieb und finde eine Seite, die mir verspricht, jeden beliebigen Text mit natürlich klingenden Stimmen unterschiedlicher Sprachen vorzulesen. Ich kopiere meinen Text hinein, suche eine Sprache aus und lausche. Tapfer liest mir das Programm in den folgenden Minuten den deutschen Text vor, mal mit englischem, dann mit italienischem, anschließend mit spanischem Akzent. Ich wähle eine Sprache mit asiatisch aussehenden Schriftzeichen und starte das Vorlesen erneut. Spätestens mit dieser Einstellung verstehe ich kein einziges Wort mehr. Dafür lache ich lauthals, weil sich alles so urkomisch anhört.

Meine Erkenntnis des Tages: Aus jedem langweiligen Text lässt sich ein herrliches Kauderwelsch machen!

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Tom

    Aus diesem Text kann man ungefähr die Leistung einer KI beurteilen, die problemlos viele verswchiedene Sprachen versteht und sinnvoll in der jeweiligen Sprache antwortet. Ich war immer der Meiung, dass darin vor allem die große Errungenschaft von Open AI liegt.

    Gerade wird immmer wieder über Falschaussagen von Chat GPT berichtet und deswegen Open AI angeklagt. Vielleicht ist die Recherche und analyse von Inhalten ncith der optimale Anwendungsbereich für eine KI,. Es mag den Aufwand nicht rechtfertigen, aber Chat GPT ist jetzt schon ein intelligenter, angenehmer und gut fomulierender Gesprächspartner in vielen Sprachen.

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