Je nach Gemütszustand schallen unterschiedlichste Ausrufe spontan aus unseren Mündern hinaus in die Welt und anschließend herein in unsere oder der anderen Leute Ohren. Sind es meine Ohren, so horche ich auf – und manchmal beschleichen mich Fragen. Was möchte man mir eigentlich sagen? Wo mag der verwendete Ausdruck wohl seinen Ursprung haben?
Meistens vergesse ich bald wieder, mich um Antworten auf diese Fragen zu bemühen. Heute jedoch muss ich endlich mal gucken, was ich herausfinden kann. Aber der Reihe nach!
In unserer Nähe gibt es einen großen Supermarkt, dessen Verkaufsfläche sich über zwei Stockwerke verteilt. Regelmäßig versorgt er uns mit Waren des täglichen Bedarfes. Gitti kommt gerade mit nicht ganz so prall gefüllten Taschen vom Einkauf zurück. Sie ist rechtschaffen erledigt.
„Mein lieber Scholli“, stöhnt Gitti.
Jüngst müssen die Mitarbeiter des Supermarktes das reichhaltige Sortiment grundlegend umsortiert haben. Gitti berichtet, wie es dort jetzt zugeht. Sie warnt mich vor, dass ich nichts mehr einfach so oder erwartungsgemäß ganz schnell finden werde.
Gut, die Gemüseabteilung ist immer noch direkt am Eingang. Aber sonst? Keinen Stein haben sie auf dem anderen gelassen, vor allem im Obergeschoss. Die Süßigkeiten befinden sich inzwischen dort, wo das Waschpulver war. Aber diese beiden Warengruppen haben nicht einfach nur die Plätze getauscht, nein! Die Veränderung ist grundlegender Art. Einzig die Frischetheken und die Drogerieabteilung sind noch am vertrauten Platz.
Die Kundschaft wird eine gewisse Zeit brauchen, um sich wieder zurechtzufinden. Gitti freut sich nicht wirklich darüber, dass man ihren optimierten Weg durch die Gänge nun durcheinanderbringt. Dennoch sucht sie nach positiven Aspekten. Etwas ironisch bemerkt sie, dass Veränderungen die eigene Flexibilität trainieren. Sie beginnt, ihre virtuelle Einkaufsliste so umzusortieren, dass sie wieder dem Weg durch das Geschäft entspricht. Als sie der Hoffnung Ausdruck verleiht, aufgrund der Umstrukturierung der Verkaufsflächen nun auf Teile des Sortiments aufmerksam gemacht zu werden, an denen sie sonst immer achtlos vorüberlief, muss ich schmunzeln.
Nachbar Hubsi war zeitgleich mit Gitti im Supermarkt. Wir sehen ihn selten. Meistens hört man Hubsi nur, in der Regel begleitet vom lauten Geräusch all seiner Werkzeuge. Gitti erkannte ihn an seiner Stimme, als es laut aus dem Nachbargang schallte: „Wo ist die Schuhwichse, Ihr Wich…?“
Die letzte Silbe des letzten Wortes seines Ausrufes verschluckte Hubsi zum Teil, als sich aus allen benachbarten Regalschluchten überraschend Mitarbeiter lösten und wieselflink auf ihn zustürmten. Gemeinsam und mit entwaffnender Freundlichkeit schoben sie den verblüfften Hubsi vor das Regal, in das sie alle Lederpflegemittel und natürlich auch seine liebste Schuhcreme eingeräumt hatten.
Mit einer Tube Schuhcreme in der Hand, von den Mitarbeitern wieder in die Einsamkeit zwischen den Regalen entlassen, brummelte Hubsí vor sich hin, als Gitti seinen Gang kreuzte. Sie bekam noch mit, wie er nacheinander seinen lieben Scholli, den lieben Kokoschinski und dann auch noch seinen lieben Herrn Gesangsverein zu einem flehenden Ausruf verband. Vorsichtshalber tat der sonst so laute Hubsi das so leise, dass die Mitarbeiter des Supermarktes es nicht hören konnten.
Jetzt will ich es aber wissen: Wer sind denn eigentlich die Herren Scholli, Kokoschinski und Gesangsverein?
Der Duden weiß zu berichten, dass der liebe Scholli bemüht wird, um einen Ausruf des Erstaunens, der Bewunderung, aber auch der Erleichterung zu formulieren. Bei Wikipedia finde ich unterschiedliche Ansätze bezüglich der Herkunft des lieben Scholli. Denkbar ist, dass der Scholli sich aus dem französischen Wort „joli“ ableitet, welches für schön oder hübsch steht. Es könnte aber auch sein, dass der frühere badische Regierungschef Julius Jolly der Namensgeber für den Ausdruck war. Er betrieb aktiv die Trennung kirchlicher und staatlicher Angelegenheiten. In seine Regierungszeit fallen unter anderem die Einführung der Zivilehe sowie der Simultanschule. Das Simultanschulgesetz regelt die gemeinsame Beschulung von Kindern unterschiedlicher Konfessionen oder Weltanschauungen. Es löste damals große Empörung aus, und vermutlich führte es auch dazu, dass Jolly seinen Rücktritt einreichen musste.
„Mein lieber Kokoschinski“ ruft man eher im Ruhrgebiet und im Rheinland. So weit mir bekannt, verwendet man den Ausruf dort in denselben Zusammenhängen, in denen man weiter südlich den Ausruf mit dem lieben Scholli tätigt.
„Mein lieber Herr Gesangsverein“ bringt ebenfalls Erstaunen oder Überraschung zum Ausdruck. Der Kontext der Verwendung reicht auch hier bis zur Fassungslosigkeit über eine Situation oder angesichts eines Umstandes. Damit kommt man einer saftigen Beschwerde sehr nah, vielleicht sogar einem Fluch.
An vielen Stellen finde ich folgerichtig im Netz deutliche Hinweise darauf, dass die Menschen mit dem Ausdruck früher eine direkte Gotteslästerung zu vermeiden trachteten. Hätten sie einfach nur „Mein lieber Herr!“ gerufen, so wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit schon sehr bald jemand aufgetaucht, der ihnen ungebührliches und respektloses Verhalten vorgeworfen hätte. Möglicherweise hätte der Beschwerdeführer sich sogar auf das zweite der zehn Gebote berufen und den Ausrufer des „Mein lieber Herr“ beschuldigt, den Namen des Herrn, also des allmächtigen Gottes missbraucht zu haben. Das hätte gewiss ganz unangenehme Folgen nach sich gezogen. Da nimmt es nicht Wunder, wenn der Ausrufer mit dem flink hergestellten Bezug zum Gesangsverein schnell noch zu verbrämen versucht, was er eigentlich ausdrücken möchte.
Einige Zeit später tauche ich wieder aus dem Cyberspace auf. Mir ist noch ganz schwindelig von all den Hinweisen, die ich unterwegs dort fand und einzuordnen versuchte. Ich lasse mich spontan nach hinten fallen, wische mir in theatraler Geste mit dem Handrücken über die Stirn, denke an die Szene mit unserem Nachbarn Hubsi im Supermarkt und rufe laut: „Mein lieber Scholli!“
Meine Fresse, war das gut.
Nur eine Frage: Ist mein lieber Herr Gesangsverein nun Singular oder Plural?
Grübel grübel…
Wieder eine schöne Erhellung von Dir, gerade in diesen gruseligen Zeiten. Habe deinen Blog länger nicht gelesen, eigentlich schade, weil er immer wieder erheitert. Fand diesen Link dazu im Netz, auch lesenswert.
https://www.ardalpha.de/wissen/geschichte/kulturgeschichte/sprichwoerter-redensarten-redewendungen-mensch-sprueche-100.html#:~:text=%22Mein%20lieber%20Scholli%22%20ist%20die,aber%20alle%20nichts%20zu%20tun. VG
und gleich hinterher Martina Hill, ihr neuer Blog bei LOL : https://www.youtube.com/watch?v=_TL9ztgyiPk