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Mit Abstand nah dran

In der Apotheke reihe ich mich in eine der beiden Schlangen ein, die sich vor der Theke gebildet haben. Diese Theke trennt die vorwiegend kränklich wirkende Kundschaft vom dort arbeitenden Personal. Seit geraumer Zeit hängen große Plexiglasscheiben an silbrig glänzenden Ketten von der Decke herab. Sie tragen dazu bei, dass sich die Kunden weder bei der Apothekerin noch beim Apotheker oder gar bei den pharmazeutisch-technischen Angestellten des Hauses anstecken – oder soll das andersherum wirken?

Diesseits der Theke üben sich die Kunden in Geduld. Auf der anderen Seite der Theke nimmt man den Auftrag ernst, die ordnungsgemäße Arzneimittelversorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Man lässt Arzneien, Medizinprodukte und sonstige Waren über die Theke gehen, die einen gesundheitsfördernden Bezug haben sollen. Zudem werden die Kunden hier beraten und über unerwünschte Wirkungen von Medikamenten aufgeklärt.

Der ältere Herr, der gerade an der Reihe ist, beantwortet die Frage, ob er all die Medikamente, die da auf seinem Rezept stehen, bereits kennt mit einem resoluten „Ja“. Das verkürzt seine Beratungszeit signifikant.

Aber dann stellt er selbst noch eine Frage. Dazu beugt der Herr sich vor. Seine glänzende Nase berührt leicht das Plexiglas, und er dämpft seine Stimme.

In diesem Moment wird es in der Apotheke natürlich ganz still. Es fühlt sich an, als stünde sogar die Zeit still, damit niemand verpasst, was hier geschieht. Dem Wispern des älteren Herrn entnehmen die Apothekerin und die restliche Kundschaft, dass er stellvertretend für einen Freund fragt. Besagten Freund quält ein peinliches Problem, aber er kann heute keinesfalls selbst in die Apotheke kommen. Und so wird nun unser älterer Herr zu einem heldenhaften Retter, der versucht, seinem Freund heilbringende Erkenntnisse oder im besten Falle sogar passende, rezeptfreie Arzneien mitzubringen.

Die Apothekerin grinst wissend. Sie ergreift das untere Ende der Plexiglasscheibe und zieht es ein wenig zu sich. Damit ist die Nase des Herrn schon mal vom Plexiglas getrennt. Derweil scheint die Apothekerin zu überlegen, ob sie auf sein Versteckspiel eingehen soll. Sie entscheidet sich dagegen und fragt den armen Tropf rundheraus, ob er zusätzlich in den letzten Tagen ein spezielles anderes Symptom an sich bemerkt hat.

Der ältere Herr erschreckt sich und weicht spontan ein Stück zurück. Die Apothekerin lässt die Scheibe los. Diese schwingt zuerst wieder auf den Kunden zu und danach noch ein paar Mal frei hin und her, ohne erneut Kontakt mit der Nase des Mannes aufzunehmen. Fühlt er sich nun ertappt oder existiert dieser Freund wirklich? Wir wissen es nicht. Der Herr nimmt jedenfalls Haltung an, strafft seine Schultern, findet seine vormals feste Stimme wieder und sagt laut: „Ich werde meinen Freund nachher danach fragen.“

Die Apothekerin und er wickeln die restlichen Formalitäten ab, die mit dem zuvor erfolgten Einlösen seiner Rezepte einhergehen. Er begleicht seine Rechnung. Dann verlässt der Mann hoch erhobenen Hauptes das Geschäft.

Vor mir entscheidet sich ein weiterer Kunde, auf indirekte Weise Erkundigungen zu seinen eigenen Beschwerden einzuziehen. Offensichtlich braucht er etwas Distanz zu sich und seinem Problem, um überhaupt darüber reden zu können. Deshalb versucht der Mann es mit einer hübschen Verallgemeinerung: „Was könnte es bedeuten, wenn es einen da hinten unten juckt? Muss man damit zum Arzt oder kann man dagegen zuerst selbst etwas mit Salbe machen?“ Wieder entscheidet sich die Apothekerin für die direktere Kommunikation. Als sie ihn schließlich fragt, wie lange er das schon hat, antwortet er sichtlich erleichtert, dass ihn das Jucken seit einer Woche quält und dass es ihn ganz verrückt macht.

Inzwischen habe ich vergessen, was ich eigentlich in der Apotheke wollte. Ich kann auch morgen wiederkommen. Mit einem entschuldigenden Blick auf die Uhr empfehle ich mich. Ich muss noch dringend zur Post, und die schließt heute früher als die Apotheke.

Als ich wieder zu Hause eintreffe, kreisen meine Gedanken um das generische Du und um weitere Möglichkeiten, indirekt oder verallgemeinernd über etwas sprechen zu können. Ich selbst nutze das alles vermutlich häufiger, als es mir bewusst ist.

Wenn Dich einer schon zum gefühlt hundertsten Mal fragt, welche Knöpfe er nacheinander drücken muss, um das richtige Waschmaschinenprogramm zu starten, nervt es Dich irgendwann. Bald bist Du davon überzeugt, dass er in Wahrheit genau Bescheid weiß und Dich nur dazu bringen will, Dich jetzt und in Zukunft selbst um das leidige Wäschethema zu kümmern. Du ärgerst Dich.

So funktioniert das generische Du. Es bezieht Dich als Gesprächspartner mehr mit ein, als wenn ich ständig „man“ sagen würde. Das klänge dann leicht abgewandelt und etwas verkürzt so: Es nervt einen, wenn man schon wieder gefragt wird, in welcher Reihenfolge die Knöpfe an der Maschine zu drücken sind. Man merkt, dass man sich ab sofort selbst um die Wäsche kümmern soll. Und dann ist man sauer.

Beide Varianten laden Dich dazu ein, Dich in meine, ups, natürlich in die von mir beschriebene Situation einzufühlen. Ich verallgemeinere und kann zur Not immer noch behaupten, ich selbst würde natürlich ganz anders agieren oder reagieren.

Das Beispiel ist natürlich an den Haaren herbeigezogen. Mich fragt hier niemand nach der Bedienung der Waschmaschine! Dennoch finde ich interessant, wie das funktioniert, und ich meine damit jetzt nicht die Waschmaschine!

Sende ich eine klare Ich-Botschaft, dann übernehme ich mehr Verantwortung für das, was ich da sage. Die Verallgemeinerung ermöglicht es mir, emotional ein wenig Abstand zu gewinnen, mich besser zu sortieren. Sie hilft mir sogar dabei, überhaupt zu formulieren, was ich denke und fühle. Manchmal kann ich so eine direkte Konfrontation vermeiden. Ob das immer besonders geschickt ist, sei mal dahingestellt.

Offene Ich-Botschaften schaffen schnell Klarheit. Sie erfordern aber auch Vertrauen, und zwar auf beiden Seiten!

Wenn ich mich frage, was für alle gut wäre, muss ich mich in möglichst viele verschiedene Leute hineinversetzen. Dabei muss ich berücksichtigen, dass sie alle ein bisschen anders ticken als ich. Was ich toll fände, kann für einen anderen Menschen pures Gift sein. Um das erkennen zu können, brauche ich ausreichend Abstand von mir selbst und meinen eigenen kleinen Befindlichkeiten. Manchmal gelingt mir so etwas. Und dann bin ich mit etwas Abstand doch ganz nah dran – ist das nicht verrückt? Also, ich finde das beruhigend!

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