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Schneller Urlaubsplausch

Kurz vor Weihnachten haben Gitti und ich eine kleine Auszeit eingeplant. Wir entfliehen dem allgemeinen Wahnsinn für zehn Tage. Das tut uns gewiss gut, und nach unserer Rückkehr werden wir uns wieder mit voller Kraft ins Getümmel stürzen.

Unsere Auszeit werden wir auf Fuerteventura verbringen. Dort ist es schön warm. Vor ein paar Jahren haben wir auf der Insel ein tolles Hotel entdeckt, in dem wir uns wunderbar verwöhnen lassen können. Da zieht es uns jetzt wieder hin. Es locken zudem ausgedehnte Spaziergänge entlang des weißen Sandstrandes. Meist werden sie wohl wieder von einer Rast in der Eisdiele unterbrochen, die an der Promenade der nächsten Ortschaft zu finden ist. Wir freuen uns schon darauf, die Seele baumeln zu lassen.

Gegen Mittag unseres ersten Urlaubstages starten wir zu Hause, und am späten Abend checken wir im Hotel ein. Das Hotelrestaurant ist eigentlich bereits geschlossen, aber wir dürfen noch hinein, um einen Imbiss einzunehmen. Ganz alleine sitzen wir nun hier. Um uns herum sind die Tische bereits für das Frühstück gedeckt. Das Personal legt letzte Hand an, um für den nächsten Morgen gut gerüstet zu sein. Ein warmherziger Mensch serviert uns eine Flasche Wein, dazu Wasser, herrlich duftendes Brot und zwei große Teller mit Iberico-Schinken, einer üppigen Käseauswahl und Salat.

Gut gesättigt beziehen Gitti und ich danach endlich unser Zimmer. Zuerst werden die Koffer ausgepackt. Das festigt mein Gefühl, angekommen zu sein. Gitti öffnet die Tür zur Terrasse. Gemeinsam stehen wir da, schnuppern die Meeresluft und lauschen dem Rauschen der sachten Brandung. Im schwachen Licht sehe ich ein kleines Tier durchs Dunkle tapsen. Seine Gestalt und die Art, in der es sich bewegt, lassen uns vermuten, dass es sich um einen Igel handelt.

Der nächste Morgen empfängt uns mit einem bombastischen Blick: Direkt aus dem Bett sehen wir aufs blaue Meer. Und wenn wir morgen früh etwas früher unsere Äuglein öffnen als heute, dann können wir aus dem Bett heraus sogar einen ganz kitschig anmutenden Sonnenaufgang erleben. Gitti reißt die Terassentür auf. Vor der Terrasse gibt es einen Grasstreifen, und dort frühstückt gerade der kleine Igel, den wir gestern sahen.

Das Hotel fügt sich perfekt in die Landschaft ein. Relativ unauffällig liegt es auf und zugleich vor einem Felsen, der hinter dem langen Sandstrand aufragt. Von allen Ebenen aus findet man in den leicht geschwungenen Gängen der Zimmerfluchten immer wieder auch einen Blick hinauf in den Himmel. Auf diese Weise entsteht eine ganz natürliche Belüftung. Der Wind fegt aber nirgends unangenehm kräftig durchs Gebäude, sondern es weht lediglich ein ganz laues Lüftchen.

Kulinarisch werden wir verwöhnt. Die Zimmerfeen und auch alle anderen hier arbeitenden Leute sorgen für eine tolle Atmosphäre. Gitti und ich lassen es uns gutgehen.

Viele der anderen Gäste strahlen genauso glücklich wie wir. Wir begegnen einander in allen Bereichen des Hotels. Meist bleibt es bei einem kleinen Gruß, den wir fröhlich miteinander austauschen.

Als einen ganz besonderen Ort erweist sich der kleine Aufzug, den wir regelmäßig nutzen, um beispielsweise ins Restaurant zu gelangen. Dieser Aufzug bietet Platz für maximal acht Personen durchschnittlicher Statur. Es gibt einen großen Spiegel, der dafür sorgt, dass die Kabine wenigstens optisch etwas geräumiger wirkt. Die Steuerung des Aufzuges folgt einer geheimnisvollen, nicht für alle nachvollziehbaren Strategie. Sie legt fest, in welcher Reihenfolge die verschiedenen Fahrziele angefahren werden. Das Display im Inneren der Kabine ist ausgefallen. Niemand weiß unterwegs genau, wo wir uns gerade befinden.

Unter diesen Umständen erweist sich dieser Aufzug als ein der Kommunikation zuträgliches Meisterwerk. Der kleine Fahrstuhl wird zu einem Ort, an dem die Gäste miteinander ins Gespräch kommen. Alle spähen gemeinsam gespannt hinaus, sobald sich die Türen wieder öffnen, und sie teilen bereitwillig die daraus gewonnen Erkenntnisse über das aktuell angefahrene Stockwerk. Wir entwickeln ein Gefühl für die Fahrzeit zwischen den Etagen. Es werden kleine Wetten abgeschlossen, und alle freuen sich, wenn sie auf das tatsächlich erreichte Stockwerk getippt haben. Manchmal reicht die Zeit sogar für einen kurzen Austausch über geplante oder bereits unternommene Aktivitäten. Regelmäßig ergeben sich an diesem Ort Situationen, die an Speed Datings erinnern.

Am zweiten Tag begegnen wir einem Pärchen, dass sich schon eine ganze Weile im Aufzug aufzuhalten scheint. Sie haben völlig die Orientierung verloren, und an dem Stockwerk, auf dem Gitti und ich zusteigen sind sie auf ihrer Fahrt schon zwei Mal vorbeigekommen. Dankbar beantworten sie unsere Frage nach ihrem Fahrziel – und sie hoffen darauf, dass wir dort ebenfalls aussteigen werden.

Dem ist nicht so. Als Gitti und ich den Fahrstuhl verlassen, müssen wir sie fast wieder ins Innere zurückschubsen. Ich versichere ihnen, den Knopf für ihr Stockwerk noch einmal gedrückt zu haben. Sie sollen zuversichtlich sein, denn sie müssen nur noch ein einziges Stockwerk weiter nach oben fahren. Das klappt bestimmt. Wir winken einander zu, die Türen schließen sich.

Später sehen wir das Pärchen wieder. Sie kommen von oben. Offensichtlich haben sie inzwischen beschlossen, vorzugsweise die Treppe zu nehmen und die damit verbundene körperliche Ertüchtigung als eine gesunde Einlage zu feiern.

Im Restaurant machen wir nach ein paar Tagen eine kurze Bekanntschaft mit einem Ehepaar in recht fortgeschrittenem Alter. Beide gucken ziemlich miesepetrig. Die Miene der Frau hellt sich erfreulicherweise mit jedem Bissen auf. Ihr Gatte bleibt seiner Ausstrahlung jedoch konsequent treu. Nach dem Essen erwischt er Gitti in der Lobby und drängt ihr seine Erkenntnisse bezüglich des Pools auf.

Der Pool ist laut Hotelbeschreibung nämlich beheizbar. Besagter Gatte hat allerdings bemerkt, dass der Pool gar nicht beheizt wird, und das missfällt ihm sehr. Nicht, dass er etwa darin zu schwimmen trachtete, aber: „Das geht jetzt schon zum wiederholten Male so!“, empört er sich. Die Empörung weckt seine Lebensgeister.

Für Gitti und mich gibt es kein Entrinnen. Wir müssen uns anhören, dass er schon seit Jahren mit dem Management des Hauses kämpft. Ich gebe irgendwann zu bedenken, dass ein beheizbarer Pool nicht zwingend ein beheizter Pool sein muss, aber der Mann zieht es vor, uns wissen zu lassen, dass nun Jahr für Jahr der Manager (also seine Herrlichkeit darselbst) zum Manager des Hauses geht, um die Beheizung des Pools durchzusetzen. Es ist ihm sogar gelungen, andere Menschen für sein Thema zu instrumentalisieren, die ihren eigenen Urlaub gerade in umliegenden Hotels verbringen. Zu deren Tagesroutine gehört es nun, ihm zu festgelegten Tageszeiten die dortigen Poolwassertemperaturen durchzugeben. So etwas fiele Gitti und mir gewiss nicht ein!

Es ist wirklich zum Fremdschämen, auf welche Art und Weise er sich da so hartnäckig festbeißt und seine Autorität zu beweisen versucht. Es geht ihm nicht um den Pool. Es geht hier ganz offensichtlich um eine Machtdemonstration, die allerdings zuverlässig jedes Jahr in eine Demütigung umschlägt, von der er sich dann bis zum nächsten Aufenthalt wieder erholen muss.

Zum Glück treffen Gitti und ich hier vornehmlich Leute, die sich darauf konzentrieren, ihren Aufenthalt zu genießen.

Wir unternehmen ausgedehnte Spaziergänge, legen dabei häufig eine Rast in der wunderbaren Eisdiele ein, auf die wir uns schon lange vor unserer Abreise gefreut haben und entspannen uns. In der Bar, in der Lobby, auf den Gängen, aber spätestens in dem kleinen Aufzug pflegen wir den unaufdringlichen, schnellen Urlaubsplausch mit den anderen Gästen.

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