Es gibt Momente, in denen mir selbst etwas bewusst wird. Das ist zunächst einmal so normal wie unbedeutend.
Bereits in der nächsten Millisekunde ist solch ein Moment längst zu einem geworden, in dem ich selbst bewusst etwas gewusst habe. Dieser Gedanke treibt mich heute aus dem Bett.
Vor ungefähr fünf Jahren schrieb ich eine Geschichte über Wolkenbilder. Darin floss mir diese Gratwanderung zwischen Vergangenheit und Zukunft schon einmal aus der Feder. Mir fiel dabei unter anderem auf, dass die Gegenwart mathematisch betrachtet keine zeitliche Ausdehnung hat.
Heute denke ich mal wieder darüber nach. Es kommt mir so vor, als sähe ich vor mir einen Zeitstrahl. So ein Ding hat keine Breite, sondern nur eine Länge. Seine gesamte Länge kann unendlich sein, aber diesen Aspekt will ich jetzt gar nicht weiter verfolgen.
Ich reiße mich also zusammen und setze nochmal an: Angenommen, der Zeitstrahl verläuft von links nach rechts. An irgendeinem Punkt befindet sich das Jetzt, also die Gegenwart. Links davon liegt die Vergangenheit und rechts davon ist die Zukunft. Während ich das denke, rutscht das Jetzt von selbst ein kleines Stück nach rechts. So läuft das die ganze Zeit schon, ich darf jetzt bloß nicht verzweifeln!
Gitti hat damals gesagt, dass die Gegenwart die Zeit ist, in der alle Ereignisse stattfinden. Mir wird wieder bewusst, wie absurd mir plötzlich die Gegenwart vorkam. Die Erinnerung daran katapultiert mich wieder in diesen Moment zurück. Ich spüre meinem aktuellen Gefühl nach und vergleiche es mit dem Gefühl, welches sich damals bei mir einstellte. Dankenswerterweise fällt mir auch noch ein, dass Gitti mir in dieser Situation eine schöne Brücke baute. Sie erzählte mir, dass Hirnforscher zu der Ansicht gelangt seien, dass wir die Gegenwart in Einheiten von etwa 2,7 Sekunden verarbeiten. Das ist immer noch absurd kurz, aber mehr als nichts.
Ich schnappe mir einen Stift und einen Zettel und male einen Zeitstrahl. Von links nach rechts ziehe ich dazu eine Linie. Aus lauter Rebellion natürlich, ohne ein Lineal zu bemühen! Bewusst habe ich einen Stift gewählt, mit dem ich eine dicke Freihandlinie aufs Papier werfen kann. Am rechten Ende platziere ich einen hübschen schlanken Pfeil, der weiter nach rechts und damit vielleicht sogar in eine fernere Zukunft weist. Den Zeitstrahl statte ich nun mit Einheiten aus, indem ich ihn in regelmäßigen Abständen zueinander mit ein paar kurzen schmalen senkrechten Strichen durchkreuze. In weiser Vorahnung verzichte ich darauf, einen senkrechten Strich am linken Ende des gemalten Zeitstrahls zu setzen. So bleibt auf ewig ungewiss, wo dieser Zeitstrahl seinen Anfang haben mag.
Jetzt entscheide ich mich für eine Momentaufnahme. Aus einem der kleinen Striche mache ich beherzt einen dicken Punkt.
Links vom Punkt und oberhalb meines Zeitstrahls lasse ich vor meinem inneren Auge Bilder erscheinen. Sie erzählen von Erlebnissen und dokumentieren Teile meiner Vergangenheit. Nähme ich die Skalierung meines Zeitstrahls ernst, so müssten einige der Bilder dicht gedrängt dort liegen, wo sich Ereignisse und von mir bewusst erlebte Erlebnisse häuften. Dazwischen gäbe es sicher Zeitspannen, zu denen ich heute nur wenige Bilder finden würde. Rechts von dem Punkt ploppt auch ein Bild auf. Es zeigt eine Zukunftsvision.
Manchmal halten wir Erinnerungen auf Fotos fest. Der Klassiker: Urlaubsfotos. Seitdem es Smartphones gibt, nimmt die Zahl der Fotos, die irgendwelche Situationen dokumentieren, dramatisch zu. Viele davon guckt man nie wieder an, wenige davon löscht man je wieder. Die bewusste Erinnerung geht da wesentlich rigoroser vor. Nicht alle Situationen schaffen es, vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis übernommen zu werden. Das ist auch gut so!
Neulich haben Gitti und ich entdeckt, wie wir mit verschwindend geringem Aufwand das, was auf dem kleinen Display unseres Smartphones zu sehen ist, auf den großen Fernsehschirm übertragen können, der in unserem Wohnzimmer hängt. Das geht, ohne weitere Kabel anschließen zu müssen, nur mittels weniger Wisch- und Klickbewegungen auf unseren handlichen Geräten, und dann noch einmal mit einem initial autorisierenden Tastendruck auf der Fernbedienung unseres Fernsehers. Und dann saßen wir da und haben uns gemeinsam wieder bewusst gemacht, was wir schon so alles erlebt haben. Wir übertrugen Fotos, zoomten nach Herzenslust hinein und entdeckten Details, die uns bislang verborgen geblieben waren. Wir schwelgten in Erinnerungen.
Nebenbei stärkte die Aktion unser Selbstbewusstsein, denn wir waren zuerst von ganz alleine auf die Idee gekommen, dass so etwas in unserem Zuhause locker möglich sein sollte, dann fanden wir recht schnell und ebenso alleine heraus, wie es geht, und dann setzten wir es um.
Wir machten uns kurz selbst bewusst, dass dies eine der Situationen sein wird, an die wir uns irgendwann in der Zukunft einmal schmunzelnd erinnern werden.
Beim weiteren Herumhüpfen auf unserem Zeitstrahl diskutieren Gitti und ich auch noch einmal über das Verhältnis der Gegenwart zur Vergangenheit und zur Zukunft.
Ich ziehe nun folgendes Fazit: Mit allem, was ich jetzt erlebe, kann ich selbstbewusst eine Vergangenheit erschaffen, an die ich mich in der Zukunft erinnern kann. Und dann fällt mir vielleicht sogar wieder ein, was ich selbst einmal bewusst gewusst habe. Meine Zuversicht hilft mir zudem gewiss dabei, viele schöne Momente zu gestalten, die das Zeug haben, mich mehr als nur 2,7 Sekunden lang zu beschäftigen.
In diesem Sinne mache ich mich jetzt gemeinsam mit Gitti auf den Weg in unseren Biergarten. Dort gibt es heute schon wieder Livemusik, und die wollen wir uns nicht entgehen lassen.