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Sich mutig stellen

„Schau mal, was ich gefunden habe!“ Gitti strahlt mich an, ihre Augen funkeln, und sie hält mir das Programmheft des Theaterhauses Stuttgart vor die Nase. Ganz offensichtlich ist sie elektrisiert. Schon ein flüchtiger Blick auf das Heft verrät mir, was Gitti darin entdeckt hat:

Familie Flöz bietet einen dreitägigen Workshop an!

Wir haben schon ein paar Stücke dieser wunderbaren Theater-Company gesehen. Sie spielen mit großen Masken und entführen ihre Zuschauer behutsam in spannende Geschichten voller Poesie. Diese Geschichten werden komplett ohne Worte erzählt. Die Schauspieler leihen den Masken ihre Körper. Die Masken selbst sind starr, und sie zeigen die Mimik der Schauspieler nicht. Das Geschehen wird, wo es passt, von Musik untermalt. So entsteht eine zauberhafte Atmosphäre, in der die Masken schließlich zum Leben erwachen.

Der angebotene Workshop richtet sich ganz allgemein an theaterbegeisterte Menschen. Laien sind ebenso willkommen wie Profis. Diese drei Tage eröffnen die Gelegenheit, hinter die Kulissen des Maskentheaters zu schauen. Die Teilnehmer dürfen sogar selbst unter Masken der Familie Flöz schlüpfen und mit ihnen spielen.

Ich ermutige Gitti, sich anzumelden. Noch zögert sie. Gitti verfügt durchaus über einen gewissen Erfahrungsschatz aus dem Theaterbereich. Was also hält sie zurück? An dieser Stelle nehme ich mich selbst zurück. Es tut Gitti bestimmt gut, in Ruhe ein Gefühl für die Situation entwickeln zu können, in die sie sich mit ihrer Teilnahme am Workshop begeben würde.

Das Thema wabert ein paar Tage durch unser Zuhause. Dann fasst Gitti sich ein Herz und fragt an, ob es überhaupt noch freie Plätze gibt.

Ein Platz ist noch frei – das sollte doch jetzt wirklich ihrer sein! Gitti meldet sich an.

Inzwischen überlege ich insgeheim, ob solch ein Workshop auch etwas für mich sein könnte. Mangels Erfahrung fürchte ich allerdings, dort nur zu stören und mit meiner ungelenken Art den ganzen Betrieb aufzuhalten. Ich weiß schließlich, dass ich mich verbal und mimisch ganz passabel ausdrücken kann, aber genau diese Fähigkeit kann ich beim Maskenspiel überhaupt nicht einsetzen. Alle Elemente, die mir eine erfolgreiche Kommunikation ermöglichen, werden hier aus dem Spiel genommen. Gefühle rein über den Körper nach außen zu transportieren, fällt mir schwer. Ich kann die Körpersprache anderer Menschen ganz gut lesen. Mein Wissen darüber, welche winzigen Bewegungen oder welche Haltungen die verschiedenen Emotionen ausdrücken, ist, sobald es um mich selbst geht, eher theoretischer Natur. Drinnen passiert ganz viel, und draußen sieht man davon nichts. Das sind gewiss keine guten Voraussetzungen für die Teilnahme an diesem Workshop – und doch zipft es mich an!

Versehentlich äußere ich Gitti gegenüber meine Gedankenspiele. Wieder sehe ich in ihren Augen das gewisse Funkeln, welches ihre Freude bekundet. Jetzt ist es an Gitti, mich zu ermutigen.

Nach einer Weile überantworten wir die Entscheidung über meine Teilnahme dem Zufall. Gitti setzt eine Mail ab und fragt an, ob noch ein Platz frei ist. Ich werde auf die Warteliste gesetzt. Dort verbringe ich etwa zweieinhalb Wochen. Dann folgt die Nachricht, dass ich teilnehmen kann.

Ab jetzt befinden Gitti und ich uns in einem gewissen Schockzustand. Was haben wir da bloß angerichtet?!? Elf Tage sind es noch bis zum Beginn des Workshops. Wir bemerken, dass unser Mut, das Vorhaben durchzuziehen, schwindet. Aufgeben oder kneifen? Auf keinen Fall werden wir das tun! Gegenseitig stärken wir uns im Kampf gegen die Vorbehalte und diffusen Ängste, die uns plötzlich umtreiben. Mit etwas Mühe gelingt es Gitti und mir, uns auf das bevorstehende spannende Erlebnis einzulassen und sogar eine ansehnlich große Menge an Vorfreude zu entwickeln. Wir nähren unsere Zuversicht. Die Aufregung steigt.

Es geht endlich los. Michael Vogel heißt uns herzlich willkommen. Er ist Mitbegründer und künstlerischer Leiter der Familie Flöz, und er leitet unseren Workshop. Insgesamt sind wir 16 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Erstaunlich schnell wächst die Gruppe zusammen. Alle sind auf eine sehr angenehme Weise aufgeschlossen. Jeder übernimmt wie selbstverständlich seinen Teil der Verantwortung für das Gelingen des gesamten Workshops. Die wunderbaren Menschen, denen ich hier begegne, machen es mir leicht, mich voll auf die gemeinsame, spannende Reise durch die nächsten drei Tage einzulassen.

Workshops finden stets in einer Art geschütztem Raum statt. Mir ist es wichtig, diesen Raum zu respektieren. Deshalb werde ich hier keine Details beschreiben. Dennoch gebe ich gerne einen Einblick in meine Erlebnisse.

Zu Beginn stelle ich mich mutiger, als ich es eigentlich bin. Zu meiner eigenen Überraschung kann ich diese doofe Haltung schon nach wenigen Minuten ablegen. Sie weicht komplett der Bereitschaft, mich voll auf das Abenteuer einzulassen, und so öffne ich mich.

Ich lerne viel in diesen Tagen, und ich fühle mich dabei sehr wohl.

Mit großem Respekt nähern wir uns den wunderbaren Masken. Sie sind groß und werden unsere Gesichter komplett abdecken. Beim genauen Hinsehen fällt mir die unglaubliche Vielfalt auf, die jeder einzelne dieser Charakterköpfe bietet. Einer der Masken schaue ich nun tief in die Augen. Ich male mir genüsslich aus, was sie für eine Person sein könnte. Das fühlt sich fast so an, als erzählten die Maske und ich uns, wer sie ist und was sie bewegt.

Als ich schließlich unter diese Maske schlüpfe, spüre ich deutlich, dass ich ihr nun meinen Körper leihe. Ich selbst spiele dabei keine Rolle mehr. Um mich geht es nicht. Es geht um die Person, die ich mir vorher ausgemalt habe und zu der das Gesicht der Maske gehört. Mein Gefühl bringt mich dazu, der Maske zu dienen.

Perplex über diese Verwandlung, falle ich kurz in mich selbst zurück. So etwas habe ich zuvor nie erlebt. Was kann ich tun, um der Aufgabe gerecht werden zu können? Im selben Moment spüre ich, wie falsch die Frage ist. Es gelingt mir, den Gedanken schnell abzuschütteln und mich einfach wieder der Maske zu widmen.

Im Laufe des Workshops entwickeln wir in kleinen Gruppen eigene Szenen, und wir alle dürfen sie am letzten Tag den jeweils anderen Teilnehmern zeigen. Welch ein Vergnügen!

Der Workshop tut mir richtig gut. Die Erlebnisse hallen noch lange in mir nach.

Gitti und ich unterhalten uns noch oft über diese schönen Tage. Uns der Herausforderung mutig zu stellen, hat sich für uns beide wirklich gelohnt.

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