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Sichtbar jung

In geselliger Runde sitzen wir beisammen und diskutieren fröhlich über alles, was uns in den Sinn kommt. Das ist schön! Es eröffnet uns die Chance, andere Meinungen zu hören und uns mit ihnen zu beschäftigen.

Die gesellige Runde ist bunt gemischt. Ich empfinde es als erfrischend, mich mit den Aussagen der anderen Leute auseinanderzusetzen. Ich muss nicht immer gleich abtun, was gerade nicht meiner eigenen Meinung entspricht. Eine gesellige Runde ist der perfekte Rahmen für neue Anregungen und andere Sichtweisen. Sie ermahnt mich dazu, meine eigene Sicht auf die Dinge noch einmal auf den Prüfstand zu stellen und sie gegebenenfalls zu revidieren.

Die gesellige Runde, in der wir uns heute bewegen, funktioniert vor allem deshalb so gut, weil die Leute, die da zusammensitzen, einander nicht allzu gut kennen. Daraus ergeben sich ein gewisser gegenseitiger Respekt, ein bisschen Vorsicht und durchaus auch eine angemessene Zurückhaltung. Niemand möchte die sympathischen anderen Leute verletzen, und jeder trägt seinen Teil der Verantwortung für das Gelingen des schönen Abends.

Mutig spricht eine von uns die Sichtbarkeit von Frauen im öffentlichen Raum an. Leider ist dieses Thema so komplex wie aktuell. Keine Sorge, ich werde jetzt nicht die vielen Umstände beleuchten, mit denen Frauen heutzutage immer noch zu kämpfen haben. Aber ich mag von der Überlegung der Rednerin und ihrer überraschenden und zugleich geradezu zwingenden Schlussfolgerung erzählen.

Ihr Ausgangspunkt ist der Umstand, dass Frauen, die ihr fünfzigstes Lebensjahr bereits vollendet haben, im öffentlichen Raum kaum noch sichtbar zu sein scheinen. Ich habe diesen Punkt ja längst hinter mir und freue mich darüber, dass ich meist unbeobachtet und vor allem unkommentiert tun und lassen kann, was ich möchte. Ja, das ist leider immer noch nicht selbstverständlich!

Mit überraschender Vehemenz sieht unsere liebe Rednerin im Folgenden komplett davon ab, eine Beschwerde zu formulieren. Sie zieht es dagegen vor, unsere Aufmerksamkeit auf die Schlussfolgerung zu lenken, die sich in ihren Augen geradezu zwingend aus besagtem Umstand ergibt: „Wenn ich als Frau jenseits der Fünfzig im öffentlichen Raum nicht mehr sichtbar bin, brauche ich auch keinen Fahrschein!“

Das Argument erschließt sich mir sofort. Wieso sollte ein Kontrolleur im öffentlichen Nahverkehr ihre Anwesenheit überhaupt bemerken?

Niemandem aus der Runde fällt ein passables Gegenargument ein. Einzig unsere Rednerin schränkt ein, dass sie in Anwesenheit ihres Enkelkindes doch lieber mit einem gültigen Fahrschein unterwegs sein möchte. Man weiß ja nie, und die Peinlichkeit des Dann-doch-erwischt-Werdens kann man sich ja einfach mit dem Erwerb eines Tickets ersparen, auch wenn die Wahrscheinlichkeit, mit der dieses Ereignis einträte, bestimmt gegen Null strebt.

Ob sie in ihrem Leben je schwarzgefahren ist oder es je tun wird, beleuchten wir nicht. Keiner von uns weiß Bescheid. Wir wissen noch nicht einmal, ob einer der Anwesenden als Kontrolleur arbeitet. So bleiben der Gedanke und die kühne Schlussfolgerung einfach im Raum stehen.

Am nächsten Tag nutzen Gitti und ich den öffentlichen Personennahverkehr, um in die Stadt zu fahren. Gitti hat für uns per App ein Ticket gebucht. Wir sitzen in der Bahn und unterhalten uns über den geselligen Abend, den wir gestern so genossen haben.

Ein paar Haltestellen später flutet plötzlich eine Gruppe von vier Kontrolleuren den Waggon. Jeder von ihnen kommt zeitgleich zu seinen Kollegen durch eine andere Tür herein. Systematisch fordern sie alle Fahrgäste dazu auf, ihnen ihre Fahrscheine zu zeigen. Sogar Gitti und mich!

Ganz vorne auf meiner Zunge liegt die provokante Frage: „Wissen Sie eigentlich, wie alt ich bin?“ Danach könnte ich noch erwähnen, dass der Herr Kontrolleur, den ich da so harsch angehe, mich ja aufgrund meines Alters überhaupt nicht wahrnehmen kann. Dies ist schließlich ein öffentlicher Raum!

Gitti sieht mir sofort an, womit ich kämpfe. Sie entschärft die Situation, indem sie wortlos unser Ticket präsentiert.

Ich male mir derweil das blöde Gesicht des Kontrolleurs aus, welches er gewiss gemacht hätte, wenn ich ihn dann auch noch wegen fehlender Altersdiskriminierung angepflaumt hätte. Außerdem schreibe ich der kühnen Rednerin von gestern eine schnelle Nachricht, dass wir gerade kontrolliert worden sind.

Ihre Antwort kommt postwendend. Sie hat auch gleich eine gute Erklärung parat. Wieder folgt ihr Schluss einer geradezu zwingenden Logik: Gitti und ich sind halt heute sichtbar jung!

Genau, das ist es!!

Tags drauf fahren wir noch einmal mit der Bahn, und was soll ich sagen, unser Aussehen ist heute offensichtlich nicht weniger jugendlich! Jetzt reicht es aber mal mit den ständigen Fahrscheinkontrollen!! Jahrelang wollte niemand etwas von uns sehen und jetzt andauernd? Hört sofort auf damit!!

Wenn ich nach Hause komme, muss ich dringend und natürlich nur zur Sicherheit mal in den Spiegel gucken.

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