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Stehen bleiben

Am Morgen stehe ich im Bad und gucke mir selbst im Spiegel beim Zähneputzen zu. Diese Pflichtübung gehört zu den langweiligen Routinetätigkeiten, die in schöner Regelmäßigkeit bestimmte Teile meiner Tage strukturieren.

Als mir das auffällt, halte ich kurz inne. Verblüfft sehe ich mir im Spiegel tief in die Augen. Die Zanhnbürste steckt halb in meinem Mund. Reglos stehe ich da. Es fühlt sich so an, als ob jemand beim Abspielen eines Films kurz auf die Pausentaste gedrückt hätte.

„Das fängt ja heute gut an“, murmle ich durch den Zahnpastaschaum, der meine Mundhöhle füllt. Jetzt muss ich aber höllisch aufpassen, um in der nächsten Sekunde keine große Zahnpasta-Sabberorgie zu veranstalten. Wartungsarbeiten am eigenen Gebiss plötzlich als Strukturelement eines Tages wahrzunehmen, fällt mir normalerweise nicht ein! An einem normalen Tag führe ich das Zähneputzen einfach nur aus – routiniert, gründlich, konzentriert, eben so, wie es vermutlich viele andere Leute auch tun.

Stimmt das wirklich? Ich horche in mich hinein und lasse die Zähneputz-Situationen der letzten drei Tage noch einmal bewusst an mir vorbeiziehen. Wie war das genau? Schnell stelle ich fest, dass ich nicht mit Details des eigentlichen Zähneputzens aufwarten kann. Natürlich könnte ich detailliert beschreiben, wie das grundsätzlich vor sich geht, aber ich kann es nicht explizit erinnern. Das ist beruhigend. Stattdessen fällt mir aber wieder ein Teil der Themen ein, über die ich währenddessen nachgedacht habe.

Wer wortlos schrubben kann, kann sich dem ganz hingeben oder nebenbei etwas Spannendes denken, stimmt’s?

Vorgestern früh zum Beispiel dachte ich grundlos darüber nach, ob es immer gut oder immer schlecht ist, wenn man stehen bleibt.

Zuerst fiel mir ein: An einer roten Ampel mag das ratsam und lebensrettend sein, mitten im fließenden Verkehr auf der Autobahn wohl eher nicht. Bezogen auf Tarifrunden oder technische Errungenschaften postuliert so mancher: „Stillstand ist Rückschritt!“

Schrubbend mit der Zahnbürste im Mund herumfuhrwerkend, veranstaltete ich sodann ein ausgedehntes Brainstorming, ließ also frischen Wind durch mein eigentlich zu dieser Uhrzeit noch schläfriges Hirn fegen.

Eigentlich hätte ich meine Gedankenreise auch gleich abbrechen können, weil ja nichts immer gleich zu bewerten ist. Stets kommt es auf den Kontext an, in dem etwas steht – also wann und wo man zum Beispiel aus welchem Grund einmal stehen bleibt.

Ich wäre schön blöd, wenn ich während eines Ausstellungsbesuches vor keinem der gezeigten Kunstwerke einmal stehen bliebe, um es genauer zu betrachten. Was würde mir doch alles entgehen!

So ging es vorgestern in aller Frühe lustig weiter in alle möglichen Denkrichtungen. Als ich schließlich meinen Mund ausspülte, arbeiteten meine Gedanken gerade an der Überzeugung, dass Standhaftigkeit eine durchaus lobenswerte Eigenschaft darstellen kann.

Ich weiß noch, dass ich an dieser Stelle aus meinem Gedankenspiel auftauchte und im Spiegel prüfte, ob noch Zahnpastaspuren auf meinem Antlitz zurückgeblieben waren.

Heute bin ich wieder an der Stelle angelangt, an der ich meinen Mund ausspüle. Zufrieden prüfe ich auch heute wieder im Spiegel, ob sich etwa noch Zahnpastaspuren auf meine Wangen verirrt haben oder meine Lippen säumen.

In diesem Moment erscheint vor meinem inneren Auge das Bild einer Schar Flamingos, die Gitti und ich neulich bewundert und dann auch gleich fotografiert haben.

Die geselligen Tiere mit dem in zartes Rosa getauchten Gefieder stehen am Ufer eines kleinen Teiches. Einige von ihnen stehen direkt in dem seichten Wasser. Die meisten dieser hübschen Tiere haben ihre langen Hälse elegant so nach hinten gewunden, dass sie den Kopf auf ihrem Rücken ins eigene Gefieder betten können. Sie stehen auf einem Bein und ruhen.

Wieso fällt eigentlich nie einer von denen um?

Ich erinnere mich ganz detailliert an dieses Foto und zoome in Gedanken weit hinein. Und dann erinnere ich, was ich in der real erlebten Situation nur kurz und flüchtig wahrgenommen hatte. Einer der Flamingos, der anfänglich noch auf beiden Beinen stand, hob das linke seiner roten Beine an, bis es vollständig vom Bauchgefieder eingehüllt wurde. Und dann knickte der Flamingo das rechte Bein seitlich etwas nach links ab. Das Kniegelenk rastete mittig unter dem Körper ein. Der rechte Fuß stand damit sicher senkrecht unter der Körpermitte. Deshalb fiel er nicht um!

Sofort beschäftigt mich die Frage, wie ich mich eigentlich selbst verhalte, wenn ich mal frei auf einem Bein stehe.

Das muss ich jetzt unbedingt ausprobieren. Ich richte mich auf und hebe ein Bein an. Instinktiv stelle ich dabei das Knie zur Seite aus. Das hilft beim Balancieren, sieht aber nicht besonders elegant aus. Ich experimentiere ein Weilchen mit meiner Körperhaltung. Wenn ich das Knie geradeaus nach vorne oder ebenso gerade ausgerichtet ganz bis zum Bauch angezogen halten möchte, bleibt mir nichts anderes übrig, als mit dem Oberkörper einen Hauch seitlich auszuweichen. Stabil wird meine Lage erst, als mein Bauchnabel senkrecht über dem Fuß schwebt, auf dem ich nun stehe. Ich halte diese Position ein Weilchen.

Dann fällt mir ein, dass ich mich sputen muss, wenn ich noch rechtzeitig im Homeoffice sein möchte. Ich kann deshalb nicht weiter hier stehen bleiben und so tun, als wäre ich ein Flamingo – auch wenn ich jetzt doch so gerne noch ein bisschen in meiner Position geschlummert hätte.

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