Die Vorstellungsrunde geht um, wie ein Plagegeist. Jeder muss dabei kurz etwas über sich sagen. Ich mag diese Runden nicht besonders. Dennoch helfen Sie zum Auftakt einer Veranstaltung, das Eis zu brechen. Niemand entkommt der Runde, und am Ende sind alle aktiviert, weil sie sich wenigstens schon einmal kurz äußern mussten. Es fällt ihnen dann leichter, später noch einmal etwas zu sagen oder auf eine andere Weise ihren Beitrag zur Veranstaltung zu leisten.
Wer zuerst das Wort ergreift, setzt die Struktur. Nennt er dabei neben seinem Namen sein Alter, seinen Personenstand, die Zahl seiner Kinder und die Stadt oder die Abteilung, aus der er kommt, so tun es ihm ganz viele der nachfolgenden Redner einfach gleich.
Schade, dass er vergessen hat, zu erwähnen, wieso er heute hier ist oder was er sich von der Veranstaltung erhofft – wobei andere Teilnehmer vielleicht sogar froh darüber sind, denn dann müssen sie sich zu diesen Punkten auch nicht äußern.
Ich selbst habe solch eine Struktur schon oft unterbrochen. In diesen Fällen war es mir zu blöd, die dusselige Checkliste kritiklos abzuarbeiten. Ich habe dann einfach ein paar Punkte weggelassen oder andere hinzugefügt. Interessanterweise kann man damit recht einfach sogar eine ganz neue Struktur setzen. Die Reihe der Leute, die sich danach noch vorstellen müssen, greift ganz oft auf die veränderten Punkte zu oder traut sich, eigene Akzente zu setzen. Damit wird die lästige Pflicht endlich zur Kür.
Meistens weiß am Schluss einer Vorstellungsrunde kaum jemand mehr als einen der genannten Namen. Einen ersten Eindruck der anderen Menschen konnte allerdings jeder schon gewinnen.
An ein Seminar kann ich mich besonders lebhaft erinnern. Statt einer Vorstellungsrunde gab es gleich zum Auftakt die Aufgabe, aus einem auf dem Boden liegenden Haufen bunter Postkarten eine herauszufischen, die irgendwie zu einem selbst passt oder die einem einfach gut gefällt. Danach sollten wir unsere Postkarte vorstellen. Es gab dabei keine Vorgaben, was oder wie viel wir sagen sollten. Wie erfrischend!
Auf meiner Postkarte war übrigens eine große Orange abgebildet, und darüber prangte der Text: „Lieber Orangenhaut als gar kein Profil!“
Ich nutzte die Gelegenheit und wies darauf hin, dass die Karte mich zum Schmunzeln gebracht hatte. Sie passt zu mir, weil ich finde, dass man sich selbst nicht dauernd so wichtig nehmen sollte. Auch diesen Gedankten teilte ich gerne mit.
Einer der anderen sagte schlicht: „Das ist meine Postkarte. Man sieht darauf einen schönen Hafen mit vielen Segelbooten. Ach ja, und ich heiße Hajo.“
Dann ging es lustig weiter. Die einen sagten ganz viel über ihre Postkarte und sich selbst, während andere es eher Hajo gleichtaten. Jede Form der Vorstellung wurde einfach so angenommen, wie sie vorgetragen wurde. Das Eis war gebrochen. Bis zum Ende des Tages wuchsen wir beinahe schon zu einem gut eingeschworenen Team zusammen. Das Seminar war ein toller Erfolg.
Sich selbst zu beschreiben, fällt nicht jedem leicht. Ich nehme mich da nicht aus. Am liebsten würde ich auf andere Leute verweisen, die mich gut kennen, aber das geht ja nur in den wenigsten aller Fälle. Und so kämpfe ich mich wacker durch alle Spielarten der Eisbrecherphase.
Manchmal soll man sagen, was für ein Tier man wäre. Hilfe! Wenn einer über sich sagt, ein Pferd zu sein, was denkst Du dann spontan über ihn? An welche Pferderasse denkst Du dabei? Wirkt er auf Dich wie ein edler Rappe oder eher wie ein Brauereipferd? Welche Eigenschaften schreibst Du ihm zu? Ob er wohl ein Fluchttier ist und gleich abhaut, wenn es mal schwierig wird? Oder fallen Dir Charakteristika wie diese ein: Eleganz, Kraft, Ausdauer, Temperament, Empathie, Herdentier?
Solche Fragen beantworte ich nicht ohne weitere Begründung, es sei denn, mir ist völlig egal, was sich die anderen dann daraus zusammenreimen!
Neulich hat mich jemand gefragt: „Wenn Du eine Krankheit wärst, welche wärst Du dann?“
Im ersten Moment machte sich große Empörung in mir breit. Ich möchte auf gar keinen Fall eine Krankheit sein! Zugleich war ich verblüfft und herausgefordert. Mein Bemühen um eine schnelle, hoffentlich aber auch passable Antwort gipfelte wenige Sekunden später in dem Ausruf: „Ich wäre ein Männerschnupfen!“
Das blieb erstmal so im Raum stehen. Die Verblüffung hatte die Seite gewechselt. Nach einer Schrecksekunde, deren Dauer sich paradoxerweise auf locker fünfzehn bis zwanzig Sekunden ausgeweitet hatte, kam nur noch dies zurück: „Männerschnupfen? Echt jetzt?“
Fast ein halbes Jahr später fällt mir die Situation wieder ein. Ich denke noch einmal in Ruhe darüber nach. Was würde ich heute antworten? Und welche Begründung fiele mir ein?
Vermutlich wäre es wieder der Männerschnupfen. Wer sich gegen den akut wehren muss, der hat es schwer. Dabei bin ich doch in Wahrheit ganz harmlos.
Und Du? Was für eine Krankheit wärst Du? Eine besonders fiese, unheilbare, schwer zu diagnostizierende, dafür aber einzigartige, ernstzunehmende und gefürchtete? Ein Knochenbruch? Oder doch eher so etwas wie ein Männerschnupfen?
Gönne Dir einfach mal den Spaß, und versuche, Dich Dir vorzustellen. Greife tief in die Trickkiste. Frage nach passenden Tieren, Gegenständen, Jahreszeiten, Songtiteln oder Wetterphänomenen. Dir fallen bestimmt noch andere Fragen ein, mit deren Hilfe Du Dich selbst treffend beschreiben könntest. Und dann trage Dir selbst einmal laut vor, was Dir eingefallen ist. Vielleicht bist Du ja sogar die berühmte eierlegende Wollmilchsau und blickst schon allein deshalb einer rosigen Zukunft fest ins Auge!