„Heute bringen wir aber nicht schon wieder Käsestangen mit!“, beschließt Gitti. Ich bin da ganz ihrer Meinung. Da, wo wir heute hingehen, ist traditionell jeder aufgefordert, bezüglich seiner Getränke und Snacks für sich selbst zu sorgen. Am Ende probieren sich alle überall durch. Das schafft eine wunderbare Atmosphäre und regt zu allerlei Gesprächen an. Gedanklich von Rezepten umringt, sitzen Gitti und ich am Morgen zusammen und überlegen, was wir also statt der berüchtigten Käsestangen auf den langen Tisch des gastlichen Hauses stellen werden.
Als Gitti Tortilla vorschlägt, bin ich sofort begeistert. Mir läuft allein beim Gedanken daran das Wasser im Munde zusammen. Nichts hält uns länger auf unseren Sesseln. Wir stürmen in die Küche und machen uns ans Werk.
Dem Kühlschrank entlocken wir zwei Paprika, vier Frühlingszwiebeln, einen Becher Schmand und eine bereits angebrochene Tüte mit geriebenem Emmentaler. Eine schnelle Wiegeaktion ergibt, dass sich in der Tüte noch etwa 170 g des leckeren Käses befinden. Das passt perfekt. Die Paprika stehen uns heute in den Farben rot und gelb zur Verfügung. Grün ginge natürlich auch, ist aber gerade nicht Bestandteil unserer Vorräte.
Gitti schält eine große Kartoffel der Kategorie „vorwiegend festkochend“. Das Ding bringt ungeschält etwa 200 g auf die Waage. Was brauchen wir noch? Fünf Eier wären gut, und Knoblauch wollen wir ebenfalls verwenden. Schnittlauch würde sich anbieten. Gemeinsam betrachten wir auf dem Balkon das Ergebnis Gittis aktueller Zuchtaktivitäten. Neben einer Reihe unterschiedlichster Kräuter hat sich auch eine kleine Schnittlauchkolonie gebildet. Eigentlich muss die noch eine Weile wachsen, aber Gitti kürzt eine vertretbare Menge junger Schnittlauchhalme kurzerhand ein. Mit dem abgeschnittenen Schnittlauch können wir die Tortilla wenigstens zum Schluss noch überstreuen. Das ist sowohl dem Geschmack als auch der Optik zuträglich.
Gitti stellt den Backofen auf Umluft, heizt ihn auf 150 °C vor und prüft mit einem Seitenblick, ob der Rost wie gewünscht auf der mittleren Schiene hängt.
Mit einem großen Messer rücke ich den Paprikaschoten, den Frühlingszwiebeln und dem Knoblauch zu Leibe und verwandle deren äußere Gestalt mit routinierten Schnitten in kleine Würfel. Selbstredend sind die Knoblauchwürfel am Ende besonders klein. Auf dem Herd wartet bereits eine Pfanne auf ihren Einsatz. Kartoffel-, Zwiebel- und Knoblauchwürfel werden sodann in Erdnussöl angedünstet. Mit etwas Zeitversatz schließen sich die Paprikawürfel an. Binnen weniger Minuten flutet ein herrlicher Duft unsere Küche. Wir ziehen die Pfanne von der heißen Platte.
Nebenbei hat Gitti schon eine Auflaufform herbeigezaubert und mit Backpapier ausgelegt. Einem Impuls folgend, schüttet sie noch einen kleinen Schuss Erdnussöl hinein. Nichts soll später auch nur den Hauch einer Chance haben, sich am Boden festzukrallen! Die Eier befreit Gitti von ihrer Schale und gibt sie in eine große Schüssel. Dazu gesellen sich der Inhalt des Schmandbechers, Salz, Pfeffer sowie ein bisschen Chilipulver. Zuerst wird alles zu einer luftigen Masse verquirlt.
Das Gemüse ist inzwischen so weit abgekühlt, dass es von der Pfanne in die Schüssel mit der Eier-Schmand-Masse wechseln kann, ohne die Eier sofort zum Stocken zu bringen. Dann kommt der geriebene Käse hinzu. Ein langer Kochlöffel hilft beim Unterrühren. Normalerweise würden wir jetzt noch eine Handvoll kleingeschnittenen Schnittlauchs ergänzen, aber das fällt mangels Masse aus.
Unsere kleine Ausbeute an Schnittlauch zerteile ich in kurze Stücke und stelle sie beiseite.
Der Inhalt der Schüssel wandert nun in die Auflaufform. Gitti streicht die Masse glatt. Wir überantworten die Form dem Backofen. Jetzt haben wir etwa 30 Minuten Zeit.
Wir räumen die Küche auf. Soll ich doch noch einen Dip mit Schmand, etwas Sahne und frischen Kräutern anrühren? Gitti und ich entscheiden uns dagegen. Wir vereinbaren, die Tortilla in handliche Würfel zu schneiden, bevor wir mit ihr das Haus verlassen. Tortillawürfel eignen sich prima zum Naschen!
Als die 30 Minuten Backzeit abgelaufen sind, lacht uns aus der Auflaufform heraus eine goldgelbe Oberfläche an. Mit einem Messerstich prüft Gitti, ob die Kartoffeln gar sind. Zufrieden holt sie nun die Form aus dem Ofen.
Wir ziehen uns zurück und widmen uns anderen Aktivitäten.
Voller Vorfreude auf einen unterhaltsamen Abend schleichen wir abwechselnd unter diversen Vorwänden in die Küche und werfen sehnsuchtsvolle Blicke in die Auflaufform, in der die Tortilla immer noch wartet. Hätten wir sie vorhin schon in Würfel geschnitten, so würden jetzt ganz sicher ein paar der Würfel fehlen. Wo die wohl hingekommen wären? Darüber lege ich lieber einen schützenden Mantel des Schweigens.
Noch bevor wir aufbrechen, überkommt Gitti und mich der Hunger. Diese kritische Phase überwinden wir tapfer, indem wir uns über die Packung mit den Käsestangen hermachen, die wir heute ja zu Hause lassen wollten.
Es wird Zeit aufzubrechen. Deshalb schneidet Gitti jetzt die Tortilla in Würfel. Wir streuen den Schnittlauch darüber.
Unsere warmherzige Gastgeberin freut sich über das herrlich duftende Mitbringsel. Unter ihren Gästen befindet sich heute auch ein Musikerduo, und das spielt für uns ein besonderes, ganz privates Konzert. In familiärer Atmosphäre genießt die illustre Runde zusammen die Musik, alle probieren sich überall durch und unterhalten sich angeregt.
Am nächsten Tag schwärmen Gitti und ich uns immer noch gegenseitig von dem tollen Abend vor – und mangels Tortilla essen wir schon vor dem Abendessen unsere restlichen Käsestangen auf.