Ständig präsent sein, stets auf alles sofort reagieren, immer ein offenes Ohr haben … Klingt das nach einer guten Anforderungsliste für ausgeglichene Menschen?
Ich gehöre zu den Leuten, die meistens recht ausgeglichen wirken. Man sagt mir eine gewisse Gelassenheit nach. Nur wenige Menschen wissen, welche einfachen Knöpfe man bei mir drücken muss, um mich unmittelbar aus der Ruhe bringen und unter großen Stress setzen zu können – und sie nutzen dieses Wissen nicht aus.
Für vieles habe ich ein offenes Ohr, bin meistens darum bemüht, zeitnah auf Fragen zu reagieren und versuche, da zu sein, wenn man mich braucht. Dennoch beschreibt das für mich nicht die Anforderungsliste, an der ich mich ständig messe. Ich weigere mich, immerzu Checklisten zu prüfen.
Selbstverständlich sorge ich dafür, meine kleinen Erfolge wahrzunehmen und gebührend zu würdigen. Dazu versehe ich beruflich auch gerne Listen aller Art mit Häkchen und lasse sie mit Hilfe einer einfachen Regel automatisch so formatieren, dass die Häkchen mit einem dunkelgrünen Hintergrund verziert werden, sobald ich sie setze. Das hilft mir, den Überblick zu behalten. Nebenbei entfaltet es eine motivierende Wirkung. Aber ich jage der Liste nicht nach. Genau das macht den Unterschied aus.
In der englischen Sprache gibt es das hübsche Wort „poise“. Es steht sowohl für Gleichgewicht als auch für Haltung und Grazie. Klaue ich dem kleinen Wort nun das „e“ und ersetze es durch ein „o“ und ein „n“, steht plötzlich „poison“ da! Das ist pures Gift, auch wenn beide Worte ausgesprochen nahezu gleich klingen, weil man das „o“ des „poison“ in der Regel verschluckt und deshalb kaum hört!
Mit meiner Formatierung verleihe ich den Listen also eine gewisse Grazie, bleibe selbst im Gleichgewicht und vermeide den giftigen Stress, der offensichtlich so nah liegt.
Ich bin nicht ständig direkt erreichbar. Das ist auch nicht erforderlich, weil die anderen sich darauf verlassen können, von mir deutlich vor Sankt Nimmerlein eine Rückmeldung zu erhalten, bei Bedarf auch freiwillig einen Zwischenstand, falls es insgesamt einmal länger dauern wird.
Gitti ist auch nicht immer erreichbar, und es tut ihr gut. Wir sitzen gemeinsam in der kleinen griechischen Taverne, die bei uns um die Ecke liegt. Plötzlich schüttelt es Gitti, als ob sie etwas gepiekt oder gekitzelt hätte. Am Essen kann es nicht liegen, denn das ist gerade zusammen mit der netten Kellnerin auf seinem Weg an unseren Tisch. Was hat sie bloß?
Gitti zupft, immer noch zuckend, ihr Smartphone aus der Hosentasche. Lautes Klingeln hat sie dem Gerät längst untersagt, aber scheinbar hat sie vergessen, den Vibrationsalarm ebenfalls zu unterbinden. Als erstes schaltet Gitti die Vibrationen aus. Dann guckt sie etwas genervt aufs Display, steckt das Gerät wieder ein und verpasst bewusst den störenden Anruf.
„Die Jungs rufe ich später zurück“, beschließt sie. „Jetzt sind wir hier und wollen in Ruhe speisen.“ Nach dem Essen fällt Gitti ein, dass die Jungs, deren Anruf nun verpasst ist, sich zurzeit am anderen Ende der Welt aufhalten. Wir sitzen noch gemütlich in der Taverne und gönnen uns ein weiteres, kühles Bier.
„Kann ich da noch anrufen, wenn wir wieder zu Hause sind? Wie spät ist es jetzt dort?“
Gitti fragt ihr Smartphone nach der Uhrzeit. „Hier ist es 20:23 Uhr. Dort müsst es jetzt 32:23 Uhr sein. Minus vierundzwanzig, das macht …“, überlegt Gitti laut.
Ich unterbreche sie und frage nach dem Zeitunterschied. Zwölf Stunden müssten es sein, meint Gitti. Die Kellnerin bringt zwei Ouzo an unseren Tisch.
Kopfrechnen ist nicht meine Stärke. Das liegt daran, dass ich im Kopf so rechne, wie auf dem Papier. Ich stelle mir dabei also immer vor, wie die Rechnung auf einem Zettel aussähe. Das bedeutet, dass ich mich ganz schön konzentrieren muss, um im Kopf schriftlich zu dividieren. Substraktionen sind da schon einfacher, aber mit dem visualisierten Zettel ebenfalls etwas mühsam. In den letzten Jahren habe ich heimlich trainiert und verschiedene Strategien erprobt. Deshalb kann ich mir manchmal hilfreiche Abkürzungen bauen – aber nur, wenn ich nicht unter Stress stehe, denn Stress trübt meine Konzentration und vermindert damit zugleich mein Denkvermögen.
Gitti ist da ganz anders. Virtuos versteht sie es, in Windeseile alles im Kopf zu überschlagen. Deshalb wundert es mich, dass sie heute so kompliziert an das Rechenproblem mit der Zeitverschiebung herangeht.
„Wenn zwischen deren und unserer Ortszeit wirklich zwölf Stunden liegen, wieso rechnest Du überhaupt?“, frage ich mutig. Gitti prostet mir zu. Sie trinkt ihren Ouzo in einem Zug leer. Dann setzt sie sich auf, hebt mit erhobenem Zeigefinger zu einer Erklärung an – und bricht lachend ab, als ich einfach so behaupte, dass in diesem Fall auch bei den Jungs jetzt ungefähr halb Neun sein müsste, so wie bei uns, halt nur in der anderen Tageshälfte.
Heute mag Gitti nicht mehr zurückrufen. Ich bestärke sie in ihrem Vorhaben, es einfach zu verschieben. Aber wenn sie morgen so gegen Mittag zurückruft, schlafen die Jungs vielleicht schon wieder, und vorher hat Gitti einfach keine Zeit.
Jetzt fällt ihr ein, dass es vielleicht doch nur zehn Stunden sind. Aber in welche Richtung? Vor oder zurück? Gemeinsam überlegen wir weiter. Suchten wir den kürzesten Weg zu dem derzeitigen Aufenthaltsort der Jungs, würde dieser uns dann von hier aus eher in eine östliche oder eine westliche Richtung führen? Wo geht die Sonne also früher auf, bei denen oder bei uns? Oder gehört das Land, in dem sie weilen, zu denen, die ihre Zeitzone unabhängig ihrer geografischen Lage relativ zum Längengrad einfach selbst gewählt haben? Fragen über Fragen!
Für heute bleibe ich deshalb dabei: „Verschieb es einfach!“