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Vom Rat zum Unrat

Gitti und ich sind in Stuttgart unterwegs. Wir kommen am Nachtwächterbrunnen vorbei. Ganz oben auf dem Brunnen steht die Bronzeskulptur des Nachtwächters. In der einen Hand hält er natürlich eine Laterne, mit der anderen präsentiert er seine Hellebarde. Zu seiner Ausstattung gehört neben einem schweren Mantel ein Horn, in das er nach Bedarf blasen kann. Begleitet wird der Nachtwächter von einem kleinen, struppigen Hund mit gespitzten Ohren und kurzen Beinen.

Ein lustiger Zeitgenosse hat dem Hund ein Tetrapack mit Strohhalm hingestellt. Bestimmt nimmt der Bronzestruppi bald unbemerkt einen tiefen Zug und labt sich am Inhalt des Tetrapacks. Schließlich kann er ja nicht von dort oben herunterspringen, den Nachtwächter oben alleine zurücklassen und sich auf der Rückseite des Brunnens an der dort installierten Hundetränke erfreuen.

Ich bemerke noch die einladende Steinbank, die am Fuße des Brunnens steht, widerstehe jedoch dem Impuls, mich dort kurz niederzulassen. Gitti ist längst weitergeeilt. So rufe ich ihr meine Absicht zu, gleich wieder aufzuschließen und banne den Nachtwächter, seinen Hund und das Tetrapack mit dem Strohhalm schnell noch auf ein Foto.

Ein paar Tage später fällt mir das Foto wieder ein. Ich betrachte es genauer und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Nachtwächtern übertrug man ab dem Mittelalter hauptsächlich die Aufgabe, während der Dunkelheit für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Falls erforderlich, warnte er schlafende Bürger vor Feuern oder Schurken. Regelmäßig überwachte er, ob die Türen und auch die Stadttore ordnungsgemäß verschlossen waren. In einigen Städten musste er zudem in vorgegebenen Abständen die Zeit ansagen. Das diente jedoch weniger dazu, die hoffentlich gut schlafenden Bürger über die Uhrzeit zu informieren, sondern fand seinen Sinn darin, den Nachtwächter selbst zu überwachen. Sagte er die Zeit nicht an, so war er wohl nicht zugegen, und daraus ließ sich der kühne Schluss ziehen, dass er seinen Job nicht machte.

Auf meinem Foto sieht man nur den Nachtwächter in beschriebener Ausstattung, seinen Hund und die Getränkeschachtel nebst Strohhalm. Vom Brunnen sieht man nichts. Schade eigentlich, aber man muss sich halt auch auf das konzentrieren, was einem in diesem Moment besonders auffällt. Deshalb erkundige ich mich jetzt nochmal genauer im Netz. Ich finde eine schöne Beschreibung und einen Haufen Bilder. Bei der Gelegenheit erfahre ich auf einer Seite von Wikipedia, dass die Laterne unseres bronzenen Nachtwächters die erste elektrische Lichtquelle im öffentlichen Straßenraum Stuttgarts gewesen ist. „Ist ja ein Ding!“, rufe ich laut und drücke damit aus, davon beeindruckt zu sein.

Was wäre wohl zu Zeiten des Nachtwächters mit dem edlen Spender des Getränkekartons geschehen? Hätte der Nachtwächter es statt als harmlosen Scherz doch eher als einen despektierlichen Verstoß gegen die öffentliche Ordnung gewertet? Hätte er den Deliquenten sodann mit der Hellebarde eingeschüchtert, ihn dingfest gemacht und laut in sein Horn geblasen, um anzuzeigen, welches Verbrechen hier geschah? Ja, so schnell wird aus der Tat eine Untat.

Wie finde ich das eigentlich selbst? Was halte ich von der Aktion?

In erster Linie hat sie mich amüsiert. Das geht gut, so lange nicht jeder einfach überall seinen Müll rumliegen lässt. Irgendwann kommt im besten Falle jemand vorbei, schmunzelt darüber und räumt das Ding einfach weg, bevor es beginnt, vor sich hinzuschimmeln oder gar Zuwachs in Gestalt weiteren Mülls erhält.

Mein Rat an mich selbst lautet: Nimm den Unrat der anderen nicht immer sofort zum Anlass, Dich über alles und jeden zu erheben und aufzuregen. Nimm das kostbare Geschenk wahr, welches Dir hier in Gestalt eines augenzwinkernden Scherzes gemacht wird und freue Dich über die Idee. Stünde es so im Museum, würdest Du es im Zweifel als Kunstaktion auffassen.

Am nächsten Tag gehe ich mit Gitti zusammen einkaufen. In einer der Umkleidekabinen liegen allerlei Papierschnipsel, Etiketten uns sonstiger Unrat herum. Jemand hat leere Bügel hängenlassen und es sieht darin überhaupt nicht so aus, wie ich es mir wünsche. Die Kabine nebenan ist in Ordnung. Spontan entscheide ich mich natürlich für die ansehnlichere Kabine. Ich habe jetzt keine Lust, den anderen Kunden hinterherzuräumen. Als ich nach einer Anprobe in mehreren Akten meinen Besuch der Umkleidekabine abschließen möchte, entdecke ich, dass auch ich zwei Etiketten fallenließ. Ich hebe sie auf und nehme beim Verlassen der Kabine selbstredend auch die Kleidungsstücke wieder mit, für die ich mich heute nicht erwärmen kann. Die Verkäuferin nimmt mir alles ab, was ich nicht kaufen möchte. Sie markiert die Teile, für deren Erwerb ich mich entschieden habe. Und dann bedankt sie sich explizit dafür, dass ich selbst hinter mir aufgeräumt habe.

Ich sinniere über den Umgang mit Unrat aller Art. Warum laden so viele Leute ungefragt ihr Zeug einfach überall ab? Geht es um Macht? Wollen sie auch einmal erleben, dass jemand anderes als sie selbst aufräumen muss? Oder bedienen sie einfach nur den kleinen Egoismus, der selbstredend keinen Bock darauf hat, vermeintlich niedere Arbeiten zu verrichten?

Als mir dann noch einfällt, dass Unrat manchmal auch ungefragt in Form von Seelenmüll vor die Tür anderer Leute gekippt wird, ziehe ich die Notbremse. Ich fliehe zu Gitti – und dann machen wir uns einen schönen, sehr harmonischen Abend.

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