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Vom Theatrophon

Willst du es live erleben? Diese Frage ist längst nicht mehr präzise gestellt. Klingt verrückt? Ja, aber spannend!

Früher hätte „live“ bedeutet, selbst am Ort des Geschehens sein zu müssen. Dieses „Früher“ ist schon ziemlich lange her – und zu dieser Zeit hätte niemand von „live“ geredet. Man ging zu einer Aufführung in ein Theater, besuchte die Oper oder ein Konzert. Zu Hause musste man selbst singen.

1887 meldete Emil Berliner das Patent auf seine Erfindung des Grammophons an. Zehn Jahre zuvor hatte Thomas Alva Edison den Phonographen zum Patent angemeldet. Während letzterer die Töne quasi auf Walzen speicherte, gelang es mit dem Grammophon, sie auf flache Scheiben zu pressen. Zu Weihnachten 1890 kamen die ersten Grammophone auf den Markt. Wer es sich leisten konnte, musste ab da zu Hause nicht mehr ausschließlich selbst singen.

Mit dem Grammophon konnte man Tonaufzeichnungen anhören, also erstmals etwas, was zuvor irgendwo anders gesprochen, gesungen oder gespielt wurde, und bei dem man vermutlich selbst gar nicht anwesend gewesen war. Besser noch: Man konnte es wieder und wieder anhören! Ein Live-Erlebnis war das natürlich noch nicht.

Die Chance, zu genau der Zeit, zu der etwas passiert, daran teilnehmen zu können, ohne selbst vor Ort zu sein, bot sich tatsächlich bereits im Jahr 1881, als in Paris das Theatrophon vorgestellt wurde.

Im selben Jahr ging übrigens in Berlin das erste Telefonnetz Deutschlands in Betrieb. Mit ganzen 48 Teilnehmern! Andernorts war man da schon weiter, aber darum geht es mir jetzt nicht.

Zurück zum Thema: Was ist dieses komische Theatrophon?

Kurz gesagt: Das Theatrophon kommt einer ersten Live-Schaltung gleich.

Das System wurde von Clément Ader entwickelt. Damit wurden in Paris zunächst Opern- und Theateraufführungen über die Leitungen des Fernsprechnetzes übertragen. Zwar nur der Ton, dafür aber stereofon, also räumlich erlebbar, und live!

Am Rand der Bühne der Opéra Garnier wurden ganz viele Mikrofone installiert. Den ersten Zuhörern, die sich ein paar Kilometer entfernt aufhielten, standen jeweils zwei Hörmuscheln zur Verfügung. Eine davon war mit einem der Mikrofone verbunden, welche auf der rechten Seite des Bühnenrandes standen. Die andere Hörmuschel übertrug, was ein Mikrofon von der linken Seite auffing. Dadurch konnten die Zuhörer das Gehörte räumlich interpretieren.

Es gab damals allerlei technische Probleme zu lösen. Interessierten empfehle ich an dieser Stelle, das Internet zu befragen. Es lohnt sich!

Bald konnte man von Hotels, Cafés und Münztelefonen aus zuhören, die an öffentlichen Plätzen installiert waren. Es gab sogar tragbare Geräte, die man an spezielle Steckdosen anschließen konnte. Private Haushalte wurden durch Telefonistinnen mit der Veranstaltung verbunden. Natürlich wurden auch Abonnements angeboten.

Vergleiche gerne mit dem, was Du heute kennst, und staune!

Jetzt fehlt eigentlich nur noch das Abkoppeln von starr verlegten Leitungen, stimmt’s?

Am 23. Dezember 1900 gelang es erstmals, Sprache drahtlos zu übertragen. Auf einer Internet-Seite des Goethe-Instituts finde ich dieses Zitat: „Eins, zwei, drei, vier. Schneit es bei Ihnen, Mr. Thiessen? Wenn ja, telegrafieren Sie zurück und lassen Sie es mich wissen.“

Mr. Thiessen war der Assistent des kanadischen Forschers Reginald Fessenden, und die räumliche Distanz zwischen den beiden betrug in dieser Situation etwa 1500 m. Ein Schrittzähler würde Dir heute daraus bei einer Schrittlänge von 70 cm eine Distanz von 2143 Schritten errechnen. Ein Radio gab es noch nicht. Dieses Experiment war ein wichtiger Schritt auf dem Weg dahin. Währenddessen schneite es auf Cobb Island. Das liegt in Maryland und war Schauplatz des Experimentes.

Und heute? Heute kannst Du Aufzeichnungen aller Art streamen, wann immer Du willst. Live ist dabei kein Thema mehr, manches wird bereits vor der ersten offiziellen Ausstrahlung als Vorab-Stream angeboten. Das gibt Dir vielleicht sogar das Gefühl, Du könntest schon vor dem eigentlichen Geschehen etwas sehen, auch wenn das Quatsch ist!

Das Besondere beim Streamen ist, dass die Daten, die dazu übertragen werden, nicht vorab und vollständig heruntergeladen oder gespeichert werden müssen, um die Audio- oder Videoaufzeichnung hören und sehen zu können. Vor ein paar Jahren war das noch reichlich holprig. Ständig musste man auf das nächste Päckchen des Datenstromes warten, der sich seinen Weg zu Deinem Computer über das noch junge Internet bahnte. Gitti und ich haben die Technik damals ausprobiert und waren sehr genervt. Der Film, den wir im Internet gucken wollten, setzte ständig aus. Bis es nach längerer Wartezeit die nächste halbe Szene zu sehen gab, hatten wir beinahe schon den Faden verloren. Dennoch staunten wir darüber, was schon möglich war und freuten uns auf den Teil der Zukunft, in dem wir via Internet Filme von hoher Ton- und Bildqualität zu sehen bekämen. Also auf heute!

Genau dort, nämlich in einem dieser Streams, erfuhr ich vor ein paar Tagen, dass es mal ein Theatrophon gab. Das fand ich spannend, und deshalb kannst Du jetzt diese kleine Geschichte lesen – und sogar, so oft Du willst …

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