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Von Engeln und Birnen

Es ist schon Ende Januar. Die letzten Wochen sind erstaunlich schnell an uns vorbeigeflogen. Am Morgen empfängt uns ein neuer Tag mit blauem Himmel. Die Sonne lacht und verspricht, uns etwas mehr Wärme zu bescheren als gestern. Am Nachmittag zieht es Gitti und mich in die Stadt.

Wir bummeln durch die lebhafte Fußgängerzone und statten ein paar Geschäften unseren Besuch ab. Eine Galerie hat ihre Pforten weit geöffnet. Sie zieht uns magisch an, also treten wir ein und schauen, welche Kunstwerke auf den drei Etagen des Hauses zu bewundern sind. Im Obergeschoss hängt ein faszinierendes Bild. Das Motiv ist eine Adaption des berühmten Mädchens mit dem Perlenohrring von Jan Vermeer. Der Künstler, der das Bild gemalt hat, vor dem Gitti und ich gerade hin- und herlaufen, hat sich etwas ganz Besonderes überlegt. Er malte das engelhaft zarte Mädchen einmal aus der Perspektive, die wir kennen: Sie steht seitlich und etwas schräg vor uns. Den Kopf wendet sie uns zu, und sie blickt uns mit leicht geöffnetem Mund direkt an. Zusätzlich hat er das Mädchen daneben noch zweimal gemalt. Es wirkt auf mich so, als ob die Perspektive dabei leicht verändert wäre.

Das Bild ist dreidimensional. Es scheint, als ob jemand die Leinwand wie einen Faltenbalg gefaltet und dann mit mehreren Bildern bemalt hätte. Wie eine Ziehharmonika hängt die Leinwand nun in einem Rahmen. Geht man von einer zur anderen Seite an dem Bild vorbei, erahnt man eine Bewegung des Motivs. In diesem Fall fühlt es sich für mich fast so an, als ob das Mädchen und ich aneinander vorbeigingen. Eine Weile lang schaut sie dabei über ihre Schulter hinweg zu mir zurück. Am Schluss glaube ich sogar, sie ganz von hinten zu sehen. Schaut sie mich überhaupt noch an oder hat sie ihren Kopf inzwischen geradeaus auf den eigenen Weg gerichtet?

Fasziniert schauen Gitti und ich genauer hin. Vermutlich wurden hier zwei Bilder getrennt voneinander gemalt, anschließend in Streifen geschnitten und dann, sauber miteinander verklebt, zu einem Bild vereint. Steht man mittig vor dem Bild, sieht man alle Perspektiven gleichzeitig. Wenn man das Bild schräg von einer Seite sieht, kann man nur eine Hälfte der Ziehharmonika sehen.

Gitti und ich können uns den Erwerb dieses Bildes nicht leisten, aber wir sind froh, es in dieser Galerie betrachten zu können.

Unser Appetit auf Kunst ist geweckt. Wir ziehen weiter.

Am frühen Abend landen Gitti und ich in einem wunderbaren Lokal. Dort werden wir heute zur Abrundung des schönen Tages unseren Appetit auf Kunst der kulinarischen Art stillen.

In gemütlicher Atmosphäre gönnen wir uns ein feudales Mahl.

Zu jedem der Gänge gibt es eine wohlklingende Erklärung. Weil sich erfahrungsgemäß niemand spontan merken kann, was ihm beim Servieren alles erzählt wird, stellt man uns jeweils kurz vor dem Servieren ein kleines Kärtchen auf den Tisch. Dort können wir die Beschreibung noch ein- oder mehrmals nachlesen.

Als das Kärtchen für das Dessert eintrifft, greift Gitti voller Vorfreude danach. Sie liest, sie stutzt, zieht eine Augenbraue nach oben und fragt: „Was sind denn Birn-Engel?“

Ratlos reicht sie mir sodann das Kärtchen herüber und nippt genüsslich an ihrem Glas Wein, welches einen herrlichen Riesling beherbergt.

Ich lese, was auf dem Kärtchen steht. Das Dessert baut auf einem knusprigen Shortbread mit Mandel-Crunch auf, welches von einem hellen Aceto-Safran-Sud umgeben ist. Darüber liegt eine geheimnisvolle Haube. Sie besteht aus einem luftigen Karamell-Schokoladen-Schaum aus weißer Kuvertüre. Ein paar Safranblätter zieren die Haube. Unter der Haube verbirgt sich, was Gitti beim Lesen soeben ratlos zurückließ.

Ich muss kichern, als ich endlich entdecke, worum es hier geht.

„Du, das sind keine Engel, die darüber wachen, dass Dir das Gericht nicht direkt in die Birne geht und Dir Kopfschmerzen bereitet!“, bringe ich glucksend hervor.

Gitti guckt kritisch zu mir herüber. Ihr Blick verlangt entschieden nach Aufklärung.

Vor lauter Lachen löst sich ein Tränchen aus meinem Augenwinkel und kullert meine Wange herab. Ich tupfe es mit der Serviette ab. Dann erst bin ich in der Lage, Gitti das Wort „Birnen-Gel“ zuzuflüstern.

Unter der Haube verbergen sich ein Birnen-Sorbet, statt der Birn-Engel ein Birnengel und dazu noch kleine Birnen-Kügelchen.

Als das Dessert an den Tisch gebracht wird, kichern Gitti und ich gemeinsam. Die Bedienung freut sich über unsere gute Laune und erklärt, was wir dem Kärtchen bereits entnahmen. Als sie das Birnengel erwähnt, kullern Freudentränen auch aus Gittis Äuglein. Großartig!

Das Gericht wird noch von einem kleinen, warmen Baba, also einem weichen Hefekuchen begleitet, der einen Hauch Birnenschnaps gesehen hat.

Gitti und ich widmen uns dem himmlischen Genuss – und vielleicht schwebt währenddessen über uns doch ein kleiner Birn-Engel, der darüber wacht, dass uns der Birnenschnaps nicht zu Kopfe steigt.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Thomas

    Guten Morgen ihr zwei,

    Danke wie immer für den Einblick und das Lächeln, dass du uns immer wieder mit deinen Geschichten schenkst.

    Zu den missverständlichen Begriffen kann ich noch einige Ergänzungen liefern, die alle aber nur phonetisch Funktionieren. Das eine sine die beiden Klassiker der Kommasetzung „Komm, wir Essen, Oma.“ was ohne das zweite Komma ein etwas gruseliges Bild ergibt und mit gerade philosophischem Einschlag „Jeder denkt an sich selbst zuletzt.“. Die Aussage wird durch ein Komma hinter dem sich ins Gegenteil verändert. die beiden anderen sind wie bei Euch Begriffe aus einem Wort, aus einer Beleidigung einer weiblichen Person wird durch Zusammenschreibung die etwas ungewöhnliche Beleuchtung „Duschlampe“, das andere verändert durch Trennung in zwei Wörter den Urinstinkt, den Tiere und Menschen gemeinsam haben, in die ebenfalls für beide zutreffende Aussage über den unangenehmen Geruch eines Stoffwechselendproduktes.

    Habt einen guten Start in den Tag!

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