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Was man nicht sieht

Wenn kleine Kinder sich die Hände vor die Augen halten, dann sind die Dinge, die sie deshalb nicht sehen können, für sie plötzlich nicht mehr da. Den Kindern ist völlig klar, dass ich sie nicht sehen kann, solange sie mich nicht sehen können.

Dass Erwachsene durch geschlossene Wände gucken können, erfährt man als Kind spätestens in dem Moment, in dem diese Erwachsenen einem genau sagen, was im Zimmer abgegangen ist, als man sich ganz alleine darin befand. Das können die ja nur wissen, wenn sie es gesehen haben! War mir dieser Umstand als Kind eigentlich unheimlich oder beschloss ich damals, dass die Erwachsenen magische Kräfte haben?

Ich weiß es nicht. Heute stelle ich mir vor, dass die Kinderwelt sowieso magisch ist und solche Fragen nur von Erwachsenen gestellt werden, die keine Ahnung haben – also von mir und ein paar anderen.

Wenn mir ein Film viel zu unheimlich ist, decke ich meine Augen gelegentlich mit den Händen ab. Ich muss nicht alles sehen. Viel zu dramatische Filmgeräusche halte ich besser aus, wenn ich die Lautstärke herunterregeln kann. Wenn ich darauf keinen Einfluss habe, kann ich zur Not singen oder pfeifen. Wenn ich das nur in meinem Kopf mache, hört Gitti davon keinen einzigen Ton und kann den Film in Ruhe weiter ansehen. Ich kann ziemlich laut nur innerlich singen oder pfeifen und damit ganz viel von dem überblenden, was von außen auf mich einprasselt. Vielleicht kann Gitti auch innerlich laut singen. Ob wir dann nach außen hin still nebeneinander vor dem Film sitzen, beide weder hingucken noch zuhören, weiß ich nicht. Wie sich unser Duett wohl anhörte, wenn wir es laut sängen?

Wenn ich auf diese Weise meine Augen und Ohren vor etwas verschließe, bekomme ich von den interessanteren Dingen natürlich auch nichts mehr mit. Manchmal muss man sich einfach entscheiden!

Ist es eigentlich geschickt, wenn man alleine im dunklen Wald plötzlich und zur eigenen Überraschung eine große Angst vor Triebtätern entwickelt und diese dann mit lautem Pfeifen erst auf sich aufmerksam macht? Das eigene Pfeifen verhindert zugleich, dass man selbst wahrnehmen kann, ob der Triebtäter, der bis eben noch gelangweilt im Wald saß und auf ein Opfer gewartet hat, sich jetzt auch nähert. Andererseits kann geschicktes Pfeifen und Lärmen auch vortäuschen, man sei gar nicht alleine, durchaus wehrhaft und stünde als Opfer auf keinen Fall zur Verfügung. Ob sich dann der Triebtäter versteckt? Fängt er gar selbst an, zu pfeifen?

Das Leben ist echt kompliziert!

Mit zunehmender Erfahrung legen wir vermutlich alle ein paar Teile unserer kindlichen Unbedarftheit ab. Das ist gut und schade zugleich. Wenn es blöd läuft, muss man später ganz schön hart daran arbeiten, sich eine gewisse Offenheit zu erhalten, neugierig zu bleiben, unerwartete Wendungen für möglich zu halten und gewohnte Denkmuster zu verlassen.

Automatisch vergleichen wir Menschen ständig alles mit unserem reichen Erfahrungsschatz. Jeder kleine Reiz verleitet uns dazu, unsere erfahrungsbasierten Erwartungen zu nähren, unsere Urteile über alles und jeden immer schneller zu fällen und uns einzubilden, wir wüssten Bescheid.

Ich finde es erfrischend, immer wieder die Perspektive zu wechseln, genau hinzusehen und mir selbst auf die Schliche zu kommen. Den Dingen und Situationen wohnen so viele Überraschungen und Möglichkeiten inne, die mein Leben spannend, vielleicht lustig, bunt und schön gestalten können. Das will ich nicht verpassen.

Stell Dir vor, Du siehst ein Foto an. Die Aufnahme zeigt eine Häuserecke, schräg von unten aufgenommen. Ein Stück Himmel ziert das Bild. Er ist strahlend blau. Man kann erahnen, an welcher Stelle die Sonne ihre Strahlen gleich über die Dachkante senden wird, direkt zu dem herunter, der wohl unten die Kamera hält, um das Foto zu machen. Im Stockwerk unter dem Dach ist ein Fenster zu sehen. Es hat zwei Flügel, der linke ist deutlich breiter als der rechte. Der rechte der beiden Fensterflügel ist geöffnet. Man kann Zimmerpflanzen erahnen, die auf der Fensterbank stehen. Du erhältst jetzt von mir die Zusatzinformation, dass dieses Bild während eines Ständchens aufgenommen wurde.

Längst hast Du vor Deinem inneren Auge bereits Details ergänzt, die Dich in die Lage versetzen, Dir ein vollständiges Bild zu machen. Vielleicht hast Du bereits eine sehr konkrete Vorstellung von all dem, was man auf dem Bild nicht sehen kann. Mit der Zusatzinformation über das Ständchen erklingt in Dir vielleicht jetzt auch noch Musik. Wer mag wohl unten stehen, und wer verbirgt sich oben hinter dem Fenster?

Zufällig war ich bei dieser Szene zugegen, sogar ein Teil von ihr. Und deshalb kann ich jetzt auflösen, was sich dort zutrug.

An einem heißen Vormittag zupfte ich unten auf der Terrasse Unkraut. Gitti öffnete das Fenster und erkundigte sich nach meinem Wohlbefinden. Sie begab sich sodann wieder außer Sichtweite. Ich setzte draußen meine Aktivitäten fort, Gitti widmete sich drinnen anderen Aktivitäten. Eine Weile lang geschah weiter nichts Spektakuläres.

Jetzt wird es aber Zeit, endlich von dem Ständchen zu berichten!

Gitarrenklänge erfüllten die Luft, welch ein schöner Genuss! Was meinst Du? Ob ich wohl das Instrument mit nach unten genommen hatte und nun aufspielte? Wartete ich darauf, dass Gitti sich oben am Fenster zeigt? Oder breitete sich die Schallwelle in der anderen Richtung aus, also von drinnen nach draußen, von oben nach unten?

Könnte man auf dem Foto doch nur mehr erkennen! Hätte man den Ausschnitt nicht besser wählen sollen? Aber Du hattest Dir doch schon längst Dein Bild gemacht, oder?

Hier also die Auflösung: Gitti saß oben im Zimmer, zupfte gefühlvoll an den Saiten ihrer Gitarre und brachte mir ganz überraschend ein wunderschönes Ständchen, während ich unten auf der Terrasse Unkraut zupfte.

Ich bin immer noch gerührt, während ich mich wieder in diese Szene hineinfallen lasse und sie für Dich aufschreibe. Die Härchen auf meinen Armen stellen sich auf, bald erfasst eine Gänsehaut meinen ganzen Körper, und ein wunderbar warmes Gefühl durchströmt mich. Danke, Gitti!

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