Gitti steht verärgert im Schlafzimmer. In ihren Händen hält sie ein Shirt. Das hat sie gerade anziehen wollen. Das Shirt erwies sich als überraschend eng und weigerte sich, Gittis Körper mit der erwarteten Leichtigkeit sanft zu umwehen. Aus dem Ding wieder herauszukommen, ist Gitti soeben gelungen. Ihr Gesicht präsentiert sich mir nun etwas gerötet.
Jetzt unterzieht Gitti das Shirt einer genaueren Betrachtung. Der Kragen zeigt erste, ganz zarte Gebrauchsspuren. Er ist bereits ein ganz klein bisschen abgestoßen. Sie könnte das Shirt durchaus noch ein paar Mal tragen, bevor es ersetzt werden muss. Gitti hält das hübsche Kleidungsstück nun mit ausgestreckten Armen vor sich, wendet es unter prüfenden Blicken von vorne nach hinten und zurück. Wieso wirkt das Shirt eigentlich plötzlich so klein?
Gitti prüft nun das Schild, welches innen mittig unterhalb des Kragens eingenäht ist und die Kleidergröße verrät. Ja, das ist definitiv die richtige Größe. Es muss also passen!
„Es passt aber nicht!“, ruft Gitti mir nun zu. Frustration und Verzweiflung schwingen in dem Ausruf mit.
Auffordernd streckt Gitti mir das Schild entgegen. Ich kann nur bestätigen, dass die dort abgedruckte Größe meine Erwartung bestätigt. Das ist eindeutig Gittis Shirt. Sie hat in letzter Zeit definitiv nicht zugenommen. Und ja, das Shirt sieht in der Tat ein bisschen klein aus!
An dieser Stelle müssen wir eine Entscheidung treffen, die für den weiteren Tagesverlauf und unsere psychische Verfassung von Bedeutung sein wird. Gegenstand dieser Entscheidung ist unser Umgang mit der Situation. Gehen wir also gleich der Frage nach, wieso das Shirt jetzt so klein ist? Wollen wir uns damit beschäftigen, ob es beim Waschen eingegangen ist und woran das liegen könnte? Oder weisen wir pauschal dem Shirt die Schuld zu und ergehen uns in Beschimpfungen? Das läge voll im Trend, oder?
Gitti hat sich längst entschieden. Zuerst stemmt sie die Hände in die Hüften und baut sich vor dem kleinen Ding auf. Dann sticht sie beherzt mit dem Zeigefinger in die Stelle, an der das Schild eingenäht ist. Und sie wirft dem einst so geliebten Kleidungsstück laut entgegen: „Du Lügenshirt!“
Natürlich erwartet Gitti nicht von diesem Kleidungsstück, dass es seine Größenangabe dynamisch an die Wirklichkeit anpasst. In diesem Fall stünde dort jetzt vielleicht ein „S“ – oder gar ein „XS“? Damit gäbe das Shirt zu, dass es nicht passen kann und nähme alle Schuld auf sich. So aber gibt es gar nichts zu und lügt Gitti stattdessen sogar frech ins holde Antlitz!
Ist das nicht wunderbar absurd? Gitti und ich brechen in anhaltendes Gelächter aus.
Am Abend sind wir zum Essen eingeladen. Unsere Gastgeberin verwöhnt uns nach Strich und Faden. Als wir vom Lügenshirt erzählen, steigt sie bereitwillig mit ein. Gemeinsam malen wir uns nun aus, wie es auf dem einmal eingeschlagenen Pfad wohl weitergehen könnte. Wenn wir nicht so satt wären, würden wir sicher gleich zu dritt auf die Straße gehen. Vielleicht mobilisierten wir sogar noch eine Schar Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Wir alle trügen unsere Shirts auf links gezogen, damit man ihre Größenschilder schon aus der Ferne erkennen kann. Und dann zögen wir durch die Stadt und skandierten aus voller Kehle: „Lügenshirt, Lügenshirt, Lügenshirt!“
Das tun wir dem bislang so treuen Shirt natürlich nicht an, dazu sind wir viel zu anständig. Aber wenn es mal eng wird: Die Suche nach einem fröhlichen Ausweg lohnt sich immer!