Der Tag war voller Tempo und sehr arbeitsreich. Jetzt noch schnell zum Friseur, und dann soll es aber auch für heute gut sein!
Erwartungsgemäß setzt die Entspannung bereits während des Friseurbesuches ein. Kein Wunder, schließlich beschränkt sich die eigene Rolle dabei auf eher passives Herumsitzen. Man kann ein bisschen plaudern, hebt oder senkt an passenden Stellen mal den Kopf, um die Arbeiten an der Frisur zu erleichtern und hat ansonsten eigentlich nichts zu tun.
Es läuft gut. Die Friseurin und ich befinden nach Vollendung ihres Werkes, dass man mich so wieder springen lassen kann. Das ist eine hübsche Formulierung, die mein selbstbewusstes Auftreten ab Verlassen des Friseursalons stärken soll und hier in der Region zugleich ein großes Lob für die handwerkliche Leistung, die an meinem Kopf erbracht wurde, darstellt.
Gitti sitzt wenige Meter neben mir im selben Salon. Ihre Friseurin und sie beschließen gerade ebenfalls, dass man Gitti so wieder springen lassen kann.
Was machen wir jetzt?
Auf dem Marktplatz wurde doch neulich ein Tapasrestaurant eröffnet!
Neulich trifft es eigentlich nicht, denn so neu ist das gar nicht mehr. Aber wir waren noch nicht dort, und deshalb lassen wir selbstredend gelten, dass die Neueröffnung erst neulich stattfand – also vor wie vielen Monaten jetzt nochmal? Gitti und ich schütteln den Gedanken souverän ab. Voller Vorfreude begeben wir uns auf direktem Weg zum Restaurant. Es hat geöffnet, noch ist die Zahl der Gäste recht übersichtlich, und es gibt einen freien Tisch, an dem wir Platz nehmen dürfen.
Gitti und ich richten uns gemütlich ein. Wir studieren die Karte und beraten, was wir alles probieren wollen. Ein erfreutes Lächeln huscht über das Gesicht des Kellners, der unsere Bestellung entgegennimmt: Wir möchten gebratene Champignons mit frischem Dip, Garnelen in Knoblauch, Pimientos de Padrón, Datteln im Speckmantel, Albondigas, etwas Brot und zwei Gläser des wohlklingenden Roséweines.
Durch die Tür zur Küche dringt bald das Geräusch klappernder Töpfe. Hinter dieser Tür setzt also geschäftiges Treiben ein. Gitti und ich lehnen uns diesseits der Tür zurück. Wir lassen unsere Blicke durch die gastliche Stätte streifen. Das Lokal ist hübsch eingerichtet. Sowohl mein Stuhl als auch die Bank mit der hohen Rückenlehne, auf der Gitti sitzt, sind gemütlich.
Der Rosé kommt zuerst an den Tisch. Auf einen genüsslichen Abend!
Gitti und ich unterhalten uns angeregt. Aus dem Augenwinkel bemerke ich, wie hinter der Theke eine noch recht junge Frau einen hohen Hocker erklimmt und sich daranmacht, die an der Rückwand angebrachte Schiefertafel mit Kreide zu beschreiben. Ein kleines buntes Ornament hat sie bereits auf der rechten Seite platziert. Nun schreibt sie von links auf das Ornament zu. Eine hübsche Schrift hat sie! Beiläufig verfolge ich ihre Aktion. Als da „Aper“, steht, errate ich bereits, was das werden soll. Aber dann folgt ein „a“, und deshalb warte ich nun gespannt darauf, wie es wohl weitergeht. Die junge Frau setzt ein „t“ hinter das „a“. Meine inneren Alarmglocken schrillen. Die wird doch nicht …
Doch, sie wird. Flehentlich gucke ich Gitti an. Die wiederum dreht sich zur Seite, wirft einen kurzen Blick über ihre Schulter und erkennt sofort, was die Frau mit der Kreide auf der Tafel anrichtet. Dort prangt der Schriftzug „Aperativ“.
Ich kämpfe den Impuls nieder, mich rauszuhalten. Davon wird die Welt nicht besser! Also hypnotisiere ich die junge Frau, die vom hohen Hocker wieder abgestiegen und nun auf festem Boden steht. Endlich guckt sie zu mir zurück. Ich rufe ihr leise zu: „Mit ‚i‘ hinter dem ‚r‘!“
Sie fragt zurück: „Sicher?“
Ich nicke. Gitti dreht sich zu ihr um und sagt: „Es heißt Aperitif“.
Der jungen Frau entfährt ein “Ups“.
In den nächsten Minuten passiert erstmal nichts. Fleißig tippt die Barkeeperin sodann auf ihrem Smartphone herum. Die flinken Finger fliegen regelrecht über das Display. Ich nehme an, dass sie recherchiert. Der Hocker kommt erneut zum Einsatz. Unter Zuhilfenahme eines feuchten Tuches verschwinden die hinteren vier Buchstaben. Die Barkeeperin steigt herunter.
Wer schon einmal mit Kreide auf nasser Tafel geschrieben hat, der weiß, dass die Schrift nach dem Trocknen etwas anders wirkt, als man es vielleicht beabsichtigt hat, nämlich dicker und schmieriger. Sie tut also gut daran, zu warten.
Unsere Tapas treffen ein. Gitti und ich konzentrieren uns auf den kulinarischen Genuss und sprechen dem leckeren Wein weiter zu.
Später vollendet die Barkeeperin das einsame Wort zu „Aperitiv“. Das ist schon besser, aber mit „v“ als letztem Buchstaben leider immer noch falsch. Ich versuche, sie in Ruhe zu lassen.
Vermutlich hat sie vorhin gar nicht recherchiert, sondern nur unglaublich viele, unglaublich wichtige Kurznachrichten versendet. Ich mag gar nicht daran denken! Vielleicht hat sie sich auch über die blöde, nervige Alte ausgelassen, die sich hier besserwisserisch in ihre Arbeit einmischt. Und ich, die blöde Alte, denke derweil darüber nach, dass jeder irgendetwas kann.
Als wir nach dem köstlichen Essen die Tapasbar verlassen, kann ich mein Wissen dann doch nicht für mich behalten. Ich gehe zu der jungen Frau an die Bar, werfe einen Blick zur Tafel hoch und sage leise zu ihr: „Jetzt noch mit ‚f‘ am Ende, dann passt es.“
Sie nickt kurz. Vergeblich suche ich im Pokerface der Barkeeperin nach einer lesbaren Reaktion. Was das angeht, ist sie mir haushoch überlegen. Wir wünschen einander einen schönen Abend, dann begeben Gitti und ich uns auf den Heimweg.
Es gehen ein paar Tage ins Land.
Als ich heute in der Frühe erwache, fühlt sich meine Nase so an, als hätte ich sie soeben an der kalten Glasscheibe der Tür plattgedrückt, die zur Tapasbar führt. Ich frage mich, ob auf der Tafel inzwischen „Aperitif“ steht und ob vielleicht sogar noch ergänzende Hinweise auf verschiedene Sorten dort feilgebotener Aperitifs gesetzt wurden. Die Erkenntnis, nicht etwa mit geringelten, vom Wind geblähten Schlafanzughosenbeinen und plattgedrückter Nase vor dem Lokal zu stehen, sondern noch schlaftrunken im eigenen Bett zu liegen, entfaltet schnell seine beruhigende Wirkung. Puh, das ist ja gerade noch mal gutgegangen!
Und: Wer da jetzt was denkt, ist nicht wichtig. Das bleibt jedem selbst überlassen!!