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Wie ich das finde

Eigentlich wollen Gitti und ich das gar nicht erst angucken. Dann geraten wir überraschend hinein, und jetzt treibt jede von uns die Frage um: Wie finde ich das?

Es beginnt alles recht harmlos. Am Nachmittag besuchen wir eine Ausstellung, deren Exponate uns nicht so recht ansprechen. Wir können das künstlerische Handwerk durchaus würdigen, aber der berühmte Funke springt einfach nicht über. Gitti und ich schauen uns die gesamte Ausstellung an, versuchen dabei, uns auf alles einzulassen – und am Ende verlassen wir etwas ratlos die Räumlichkeiten.

Es schließt sich ein Spaziergang durch den schönen, mäßig belebten Park an, der das Museum umgibt. Die Sonne wärmt unsere Seelen, und die Bewegung tut uns beiden gut. Nach einer kleinen Runde zieht es Gitti wieder nach Hause. Mir geht es genauso. Unseren Heimweg belgleitet ein kleiner Austausch darüber, wie wir finden, was wir sahen. Um es kurz zu machen: Mit unserem Spaziergang können Gitti und ich heute deutlich mehr anfangen als mit der Ausstellung. Der Park ist wirklich wunderschön!

Zu Hause gönnen wir uns frischen badischen Spargel, dazu leckere Kartöffelchen, gekochten Schinken und die Reste der Mayonnaise, die Gitti vorgestern zur Begleitung eines anderen Gerichtes binnen weniger Sekunden gezaubert hat.

Satt und zufrieden sinken wir sodann vor dem Fernseher auf die Polstermöbel. Die Nachrichten plätschern an uns vorbei. Gitti konsultiert die Fernsehzeitung, um unsere Programmauswahl vorzubereiten.

Die Vorankündigung einer Musiksendung, bei der längst verstorbene Stars in Duetten mit aktuellen Stars zu sehen sein sollen, bedenken wir im Chor mit einem: „Och nee, lass mal!“

Gemeinsam fassen wir den Beschluss, lieber einen der Krimis anzusehen, die heute ausgestrahlt werden. Der ausgesuchte Krimi entpuppt sich als spannend. Er ist psychologisch interessant und zieht sowohl Gitti als auch mich schnell in seinen Bann.

Im Anschluss zappen wir wahllos herum. Dann geraten wir überraschend doch in die Ausstrahlung der Sendung hinein, die zu Beginn des Abends noch durchs Raster fiel. Aus dem „Och nee, lass mal“ von vorhin wird nun ein müdes: „Ach, wir können ja mal gucken, was die da machen.“

Auf einer Show-Couch sitzen Stars aus der Musikszene. Sie dürfen im Laufe der Sendung jeweils zwei Songs singen, und zwar im Duett mit einem bereits verstorbenen Superstar. Noch habe ich nichts davon gesehen, aber mich gruselt allein die Vorstellung. Das Publikum soll am Ende der Show darüber abstimmen, welche der Darbietungen besonders gut gelungen ist. So wird aus der Show auch gleich ein Wettbewerb.

Festzustellen ist: Mit den Zuschauern wurde leider vor Beginn der Aufführung ausgiebiges Johlen und Klatschen geübt. Deshalb rasten diese Zuschauer nun bei jeder sich bietenden Gelegenheit komplett aus. Sie geben alles, selbst, als der Moderator nur einmal mitten im Satz eine Atempause einlegt, die den Hauch einer Sekunde zu lang geraten ist. Vermutlich muss er nur kurz ein Räuspern unterdrücken, aber das trainierte Publikum fühlt sich aufgefordert, seinen Job zu machen. Lautstark liefert es alles, was es zu bieten hat. Gitti dreht dem Fernseher bei diesen Sequenzen konsequent den Ton ab. Das ist sonst wirklich unerträglich!

Mittels moderner Technik belebt man für die Sendung tatsächlich Stars wie Amy Winehouse und Freddie Mercury wieder zum Show-Leben. Ich bin entsetzt und fasziniert zugleich.

Gitti geht es ähnlich. Uns treiben diverse Fragen um: Darf man das? Schert sich jemand um die Rechte derer, die hier nochmal „auftreten“? Ist das geschmacklos, respektlos oder gerade ein Ausdruck sehr großen Respekts?

Für eine gewisse Zeit beschäftigen wir uns mit dem Rätsel, wie so etwas technisch gemacht werden kann. Wir spekulieren über Hologramme und Avatare. Als die Figur des Freddie Mercury auf der Bühne ein reales Mikrofon entgegennimmt, wird zumindest klar, dass eine richtige Person mit auf der Bühne steht, die der Kunstfigur ihren Körper leiht. Weil die verstorbenen Stars bei den Duetten nicht nur ihre eigenen Songs präsentieren, sondern auch die Songs ihrer Duettpartner „mitträllern“, liegt der Verdacht nahe, dass die Technik der Stimmsynthese verwendet wurde. Aus Archivmaterial lässt sich ja heutzutage ein Stimmmodell zusammenbauen. Damit kann man die Figur sagen und singen lassen, was immer man möchte. Nach Auswertung diverser Videoclips sollte es möglich sein, die dazu passenden Gesichtsausdrücke sowie synchrone Mundbewegungen zu generieren.

Die sozialen Medien sind voll mit künstlich hergestellten Inhalten. Es wird zunehmend schwerer, zu erkennen, was noch real ist und was von einem Computer-Programm erzeugt wurde. Wir können die Entwicklung nicht komplett aufhalten. Gitti bringt es so auf den Punkt: „Was möglich ist, wird irgendwann auch getan. Das war schon immer so. Verbote helfen da nur zum Teil.“

Schnell sind wir uns einig darüber, dass dringend kluge Regeln ersonnen werden müssen – oder gibt es die bereits?

Die Sendung flimmert immer noch über unseren Fernsehschirm.

Verblüfft stellen Gitti und ich fest: Alle der realen, noch lebenden Künstler, denen wir heute bei diesen denkwürdigen „Duetten“ zusehen und zuhören, zieht die Situation offensichtlich während ihres Auftrittes in den Bann. Wir können klar erkennen, wie sie ab einem bestimmten Punkt komplett in das Gefühl eintauchen, tatsächlich mit dem Idol ihrer Kindertage gemeinsam auf der Bühne zu stehen und zu singen. Wider besseren Wissens! Für sie muss das eine Grenzerfahrung der besonderen Art sein.

Abseits aller Bewertungen und Regelungen möchte ich für mich eine gute Möglichkeit finden, mit ernsthaften Täuschungsversuchen umzugehen. Und so löse ich mich von der Frage, wie ich das alles finde. Es gilt, die eigenen Kompetenzen zu schärfen!

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