Im Büro zeigt ein Kollege mit ausgetrecktem Zeigefinger auf den leeren Platz eines anderen Kollegen, und er fragt in den Raum hinein: „Ist er da?“
Auf den ersten Blick mag diese Frage absurd klingen. Offensichtlich sitzt gerade niemand auf dem Stuhl dieses Schreibtisches. Die Antwort, die jedoch im Chor aus mehreren Ecken des Großraumbüros schallt, lautet: „Ja, der ist da!“
So absurd diese Antwort auch klingen mag, sie ist kurz und hilfreich. Deshalb verlässt der fragende Kollege nun wortlos den Raum. Alle wissen, dass er später wieder herkommen wird. Besser noch: Der gerade unsichtbare Kollege wird, sobald er wieder an seinen Schreibtisch zurückkehrt, mündlich darüber informiert, dass und von wem er vermisst wurde.
So funktioniert die traditionelle Büro-Kommunikation. Es gibt natürlich allerlei Varianten. Manchmal ist etwas auszurichten, in anderen Fällen werden kleine Notizzettel mit Nachrichten hinterlassen. Geplante Abwesenheiten haben wir früher oft auf einem großen Wandkalender eingetragen. Hilfreich waren auch kleine Schildchen mit der Aufschrift: „Urlaub bis …“, die dann mitten auf dem Tisch lagen oder in der Tastatur steckten.
Heute steht nur noch denen ein fester Platz zur Verfügung, die überwiegend im firmeneigenen Büro arbeiten. Ich arbeite meistens von zu Hause aus. Wenn ich in der Firma bin, sitze ich also einfach da, wo gerade ein Platz frei ist.
Das Bedürfnis, genau zu wissen, wer wann und wo zugegen ist, hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Manche pflegen ihren Arbeitsort im elektronischen Kalender so, dass andere dort nachschauen können, andere verabreden sich gezielt zu einem Treffen im Büro. Wir nutzen eine Software, über die wir chatten und uns virtuell treffen, unabhängig davon, wo wir uns physisch befinden. Die Software zeigt von allen Nutzern einen Status an. Sie verrät, ob ich gerade online bin, greift auf meinen Büro-Kalender zu und zeigt an, ob ich mich in einer Besprechung oder einem online geführten Gespräch befinde. Sobald die Bildschirmsperre aktiviert wird, interpretiert das Programm diesem Umstand so, als wäre ich zwar da, aber gerade nicht am Platz. Kehre ich zurück, sehe ich, wer dennoch versucht hat, mich zu erreichen.
Viele Geschäftsräume büßen leider durch all diese Veränderungen einen Teil ihrer früheren Atmosphäre ein. Kaum jemand dekoriert noch seinen Schreibtisch mit Bildern von zu Hause oder von seiner Familie, hängt lustige Poster auf oder drückt dem Büro mit Hilfe persönlicher Gegenstände seinen ganz persönlichen Stempel auf.
Mit Freude erinnere ich mich an ein Pappschild, auf dem eine Art Uhr den Anwesenheitsstatus des Besitzers anzeigte. Oben auf dem Schild stand: „Ich bin zu …“ Darunter, ungefähr in der Mitte des Schildes, war ein großer, drehbarer Papierpfeil angebracht. Der Pfeil zeigte auf eines der drumherum angeordneten Schlagwörter. Zur Auswahl gab es: Tisch, Stuhl, Hause, Gast.
Stand der Pfeil auf „Gast“, so wussten wir, dass der Kollege in Urlaub gefahren war und sich demnach woanders befand, irgendwo zu Gast war und dort vermutlich auch länger verweilte. „Zu Tisch“ ließ darauf schließen, dass er in spätestens einer Stunde aus der Kantine zurückkommen würde. „Zu Stuhl“ nutzte er, wenn er zu einer Besprechung oder zur Toilette ging. „Zu Hause“ bedeutete selbstredend, dass er seinen Arbeitstag noch nicht begonnen oder bereits Feierabend gemacht hatte.
Mir fällt auf: Zugegen sein, sich also zu einer bestimmten Zeit oder Gelegenheit an einem bestimmten Ort befinden, das ist ein Zustand, dem keiner von uns entkommt. Du kannst niemals nirgends sein!
Natürlich kannst Du abwesend sein, für andere nirgends auffindbar, aber niemals nirgends zugegen!
Baff sitze ich nun da und überlege, wie ich das finde.
Nach einer Weile stelle ich beruhigt fest, dass ich zu Hause bin. Das ist schön! Hier fühle ich mich wohl.
Mein Zuhause ist nicht der Ort, an dem ich geboren wurde. Mein Zuhause ist dort, wo meine Möbel sind – und ganz besonders natürlich dort, wo Gitti zugegen ist.