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Mehr oder weniger diskret

„Was ist denn ein Hoppyraum?“, fragt Gitti in die Stille des gemeinsamen Chillens.

„Ein was?!?“

Wortlos zeigt Gitti mir auf meine Nachfrage hin ihr Smartphone. Bis ich begreife, wohin genau ich gucken soll, ist das Display längst wieder erloschen. Gittis weit ausgestreckter Arm beginnt zu wackeln, das Gerät tanzt infolgedessen vor meinen Augen auf und ab. Ich schaue Gitti nun fest in die Augen. Dann kläre ich sie über den Zustand ihres Displays auf, welches ein diskretes Schwarz über alles gelegt hat, was da vielleicht zu sehen sein könnte.

Genervt entsperrt Gitti das Gerät und gibt es mir. Ihr strenger Blick deutet an, dass ich mich beeilen soll, um endlich ihre eingangs gestellte Frage zu beantworten.

Ich sehe ein Foto. Es zeigt einen kleinen, leeren, fensterlosen Raum. Decke und Wände sind verputzt und weiß getüncht. Den Fußboden ziert ein Bodenbelag in Holzoptik. Mittig an der Rückwand des Raumes hängt ein schmuckloser Heizkörper. Oben links im Bild verrät ein dezenter Schriftzug den Titel des Fotos und damit vielleicht sogar die Funktion des Motivs: Hoppyraum.

Längst hat sich ein breites Grinsen auf Gittis Gesicht ausgebreitet. Sie wartet gespannt auf meine Reaktion. Kichernd bringe ich hervor: „In diesem Hoppyraum kann man ganz unbeobachtet umherhüpfen.“

Vor unseren Augen entstehen verstörende Bilder. Mit Puscheln auf unseren Köpfen, ausgestattet mit lilafarbenen Federn und allerlei Glitzerkram, auf diese Weise als drollige Zirkuspferde verkleidet, hüpfen Gitti und ich durch den Hoppyraum. Ganz ohne Steckenpferd, denn mit einem solchen wäre es besser, einen Hobby-Horsing-Raum aufzusuchen!

Ich gebe Gitti das Smartphone zurück. Wir malen uns aus, was man sonst noch in solch einem Raum tun könnte. Ein Lachtränchen kullert über Gittis Wange, und sie ruft prustend: „Das gefällt mir!“

Plötzlich schallt eine laute Frauenstimme ungefragt aus Gittis Smartphone: „Das freut mich! Wenn es Dir gefällt, dann ist es sicher eine gute Wahl.“

Wie vom Donner gerührt starren wir beide das Gerät an. Wir müssen laut lachen. Dann aber setzt die Verarbeitung des Gehörten ein. Das gibt es doch nicht! Unverschämt!! Wer hat dem Ding erlaubt, uns zuzuhören?!?

Gitti und ich sitzen hier in unserem Wohnzimmer, also nicht im öffentlichen Raum! Und unser Wohnzimmer ist auch kein chinesisches Auto, über das uns neulich berichtet wurde, dass es die Gespräche im Innenraum mithört, um die Insassen im besten Fall passgenau mit nützlichen Hinweisen unterstützen zu können.

Vorhin hat Gitti noch die Diktierfunktion ihres Smartphones genutzt, um etwas zu recherchieren. Aber sie hat das doch dann wieder ausgeschaltet – oder etwa nicht?

Aus der Ferne ertönt plötzlich Musik. Zuerst wippen unsere Füße im Takt mit, dann aber fragen wir uns, woher die Musik eigentlich kommt.

In der Küche steht eine kleine Musikkugel. Sie spielt manchmal auf, wenn wir kochen, essen oder gemütlich beisammensitzen. Weil die Musikkugel sprachgesteuert ist und sich mit dem Internet verbinden kann, trennen wir sie immer dann vom Strom, wenn wir ihre Dienste nicht weiter in Anspruch nehmen wollen. Vorhin haben wir wohl vergessen, ihre Stromzufuhr zu kappen. Es wirkt so, als sei unserer Musikkugel gerade langweilig geworden. Sie hat sich soeben selbst aktiviert und spielt nun alleine vor sich hin.

„Ja, geht’s noch?“, empöre ich mich. Ich springe auf und drehe der Musikkugel in der Küche flugs den Strom ab.

Gitti und ich werfen uns vielsagende Blicke zu. Eine Weile lang verhalten wir uns auffällig still.

Ob uns tatsächlich ständig jemand zuhört, wissen wir nicht. Falls dem so sein sollte, muss es für den diskret indiskreten Zuhörer recht langweilig zugehen. Unser Mitleid mit ihm hält sich in Grenzen. Dennoch werfen wir ihm zu: „Augen auf bei der Berufswahl!“

Alles ständig in Alufolie einzuwickeln, ist auch keine Lösung. Brauchen wir doch einen Hoppyraum? Ist im Keller noch Platz dafür? Hüpfen wir dann mit Aluhüten auf dem Kopf darin herum?

Ach, Quatsch!

Schnell besinnen Gitti und ich uns darauf, uns nicht in Dinge hineinzusteigern, die uns nicht gut tun. Wir werden keine Geheimsprache erfinden, uns nicht ständig verfolgt und ausspioniert fühlen und ansonsten versuchen, uns selbst einigermaßen diskret zu verhalten – so, wie wir es uns von anderen auch wünschen würden.

Ein Anflug von Appetit zieht Gitti und mich in die Küche. Na, wollen wir der mehr oder weniger diskreten Musikkugel ein bisschen Strom und Unterhaltung gönnen? Warum nicht!

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