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Konvex oder konkav

Gitti und ich gönnen uns ein ausgedehntes Frühstück. Auf dem reich gedeckten Küchentisch steht eine Vase mit orangefarbenen Tulpen. Als ich gerade nach einem der beiden langstieligen Löffel greifen will, die vor der Vase liegen, springt mir überraschend ein Detail ins Auge. Abrupt stoppe ich die Bewegung meines Körpers, verharre mit nahezu ausgestrecktem Arm und meiner bereits zum Greifen halb geöffneten Hand in der Luft und starre das Detail an. Mein Mund öffnet sich einen Spalt weit. Das markiert zunächst das Ende meiner Bewegung.

Nach einer Weile finde ich zumindest meine Sprache wieder. Ich greife Gittis Frage vor, die sie bestimmt in der nächsten Sekunde gestellt und mit der sie sich danach erkundigt hätte, was denn jetzt schon wieder los ist. Ich rufe also: „Das ist wunderschön!“

Mir ist schon klar, dass Gitti mit diesem dürren, aber immerhin begeistert vorgetragenen Ruf nicht viel anfangen kann. Ich nötige sie, aufzustehen, ihr Gesicht neben meines zu halten und in dieselbe Richtung zu gucken, wie ich. Und dann frage ich sie, ob sie sieht, was ich sehe – und ob das nicht wirklich wunderschön ist.

Wange an Wange betrachten wir die Spiegelung der Blumen auf den Löffeln.

Beide Löffelstiele zeigen direkt auf uns zu. Unser Blick läuft entlang der schlanken, flachen Löffelstiele. An die Stiele schließen sich oben die Zungen der Löffel an, die jeweils den Stiel mit der Kelle verbinden. Natürlich sind die Zungen der Löffel andersherum gewölbt als deren Kellen. Der linke der beiden Löffel liegt so, dass seine Kelle nach unten, also zur Tischplatte hin geöffnet ist. Beim rechten Löffel gucken wir direkt in die geöffnete Kelle hinein.

Der linke Löffel spiegelt den Blumenstrauß auf dem Kopf stehend wider, der rechte zeigt ihn aufrecht mit den Blüten nach oben. Durch die Wölbung der Kellen breiten sich die Blätter der Tulpen in der Spiegelung besonders hübsch aus. Vor allem auf dem rechten Löffel fließt das Grün der Blätter über die Löffelzunge den Stiel entlang und präsentiert etwas unscharf und in die Länge gezerrt zwei der Blütenkelche am unteren Stielende. Sie zeigen direkt auf uns zu, während ihr Bild oben in der Kelle gestochen scharf in die andere Richtung weist.

Dieser Anblick verzaubert Gitti und mich, und er birgt einen kleinen, stillen, romantischen Augenblick, den wir bereitwillig in unsere Seelen aufnehmen.

Wir lösen uns wieder. Ich entschließe mich, dieses Bild auch fotografisch festzuhalten. Nach dem Essen hole ich also mein Smartphone und lege eine Fotosession ein.

Mir kommen die Begriffe konvex und konkav in den Sinn. Welche Wölbung hieß nochmal wie? Aus der Optik kennen wir unterschiedliche Linsen. Guckt man von außen ins Innere einer Linse, so heißt sie doch konvex, wenn sie nach außen gewölbt ist, oder war das etwa andersherum? Nein, ich bin mir sicher: Wenn ich in eine Wölbung hineingucke und aus dieser Perspektive Kaffee hineinschütten könnte, ohne gleich eine Sauerei zu verursachen, dann heißt das konkav – mit …kav, was sich ja schon wie Kaffee anhört.

Dunkel taucht in meinem Kopf zugleich das Bild einer nach oben geöffneten Parabel auf. In die könnte ich auch Kaffee hineinschütten, aber in diesem Fall nennt man die geometrische Figur dann konvex. Ich bin verwirrt und auch ein bisschen empört, weil meine Eselsbrücke mit dem Kaffee einzustürzen droht.

Gitti ermahnt mich, mit meiner Fotografierorgie allmählich zum Ende zu kommen, schließlich sind wir gleich außer Haus verabredet. Wir wollen eine interessante Ausstellung besuchen. Ich stelle meine Gedanken also zurück.

Wir brechen auf, fahren zur Ausstellung, bestaunen dort in fröhlicher Runde die gezeigten Kunstwerke und lassen uns zum Abschluss in einem gemütlichen Restaurant verwöhnen. Ich mag diese Ausflüge, in deren Rahmen wir uns mit den anderen eifrig und ausgiebig über ganz unterschiedliche Themen austauschen. Sie geraten uns immer wieder zum Genuss!

Am nächsten Tag fällt mir das Problem mit den konvexen oder konkaven Formen wieder ein. Ich krame ein Buch aus dem Regal hervor, welches mich seit Studientagen begleitet. Es ist ein Standardwerk der Mathematik. In meinen Händen liegt nun schwer die 22. Auflage des Buches. Es trägt den schönen Titel „Taschenbuch der Mathematik“, ist ganze 4 cm dick, 20 cm hoch und 15 cm breit. Das Werk basiert auf einem Manuskript der Mathematiker Bronstein und Semendjajew.

Dort werde ich fündig. Allerdings brauche ich eine Weile, bis meine Eselsbrücke wieder funktioniert. Die nach oben offene Parabel heißt korrekt „konvex von unten“. Also guckt man hier von unten nach oben, und in dieser Richtung würde der Kaffee auch nur verschüttet, egal wie irre das klingt. Gemeinerweise sagt man dazu verkürzt einfach „konvex“. Man kann sie aber auch korrekt „konkav von oben“ nennen, und wenn man das so sagt, kann man den Kaffee auch einfach von oben hineingießen. Es kommt immer wieder darauf an, von wo aus man guckt – wie im richtigen Leben! Meine kleine Seele ist beruhigt.

So – Gitti ruft mich in diesem Moment. Sie hat unser Abendessen vorbereitet, und das landet just jetzt in einer nach oben geöffneten Schüssel. Gucke ich gleich von oben in die Schüssel hinein, dann ist sie aus dieser Perspektive also konkav. Ich bin schon gespannt darauf, was Gitti da gezaubert hat. Schnell hole ich noch eine Flasche Wein, deren Wölbung mir zugewandt und deshalb von außen also konvex ist. Jetzt fehlt nur noch die Ankündigung meiner Ankunft in der Küche: „Ich komme!“

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Tom

    Hallo,

    wie immer eine sehr schöne Geschichte – Grüße an Euch beide. Ich habe mir das so gemerkt: Konkav klingt so ähnlich wie das englische Wort „cavern“ – „Höhle“. In eine Höhle kann man hineingehen, genau wie man in die offene Schale das Abendessen geben kann, welches Gitti euch gezaubert hat

  2. Betina

    zu meiner Schulzeit hieß es: „Der Bauch vom Rex ist konvex!“, und das passte zu unserem rundlichen Direx „kleiner König“ wie die Faust auf´s Auge.
    Auch mit einer Kaleidoskop-App können aus Pflanzenfotos wunderschöne Kunstwerke entstehen.

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